Finkenwerder Geschichtswerkstatt

vormals Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme

Die zentrale Aufgabe lautet Erforschen und Bewahren der Arbeits- und Alltagsgeschichten des Ortes und ihrer Bewohner. Helfen Sie uns weiterhin mit Ihren Erinnerungen an das Leben oder besondere Ereignisse „von früher“. Ihre Geschichte(n) sind ebenso wertvoll wie alte Fotos, Bücher und andere Zeitdokumente, die wir gerne für Ausstellungen zusammenstellen.

Aus naheliegenden Gründen erkundeten wir zunächst die Ortsgeschichte während der Nazi-Diktatur. Anlass war die Einweihung des Mahnmals für die Opfer des Naziterrors am 16.12.1996 auf dem ehemaligen Gelände des Außenlagers Deutsche Werft des KZ Neuengamme in Finkenwerder. Die medienwirksame Übergabe rückte eine Epoche der Ortsgeschichte in das öffentliche Bewusstsein, die lange Zeit verdrängt, verharmlost, verleugnet und unterdrückt wurde. Die Anwesenheit des ehemaligen dänischen KZ-Häftlings Ernst Nielsen ermöglichte uns die erste Kontaktaufnahme zu einem Zeitzeugen. Von ihm erhielten wir wertvolle Informationen über seine Zeit im Außenlager.

Die dänische Amicale besucht das Mahnmal
Die dänische Amicale besucht das Mahnmal, der ehemalige Häftling Ernst Nielsen berichtet über seine Haft.

Wir entschlossen uns, es nicht bei dem singulären Ereignis zu belassen, sondern diesen Aspekt der Ortsgeschichte zu recherchieren und die Ergebnisse regelmäßig öffentlich zu präsentieren. Das Ziel war, das gesamte Spektrum der Nazi-Verbrechen an den unterschiedlichen Opfer- und Tätergruppen mit Ortsbezug zu benennen, das damalige gesellschaftliche Umfeld zu reflektieren, widerständige Handlungen und Haltungen aufzuzeigen und Darstellungen in Orts-, Firmen- und Kirchenchroniken der Nachkriegszeit kritisch zu hinterfragen.

Unsere aktive Erinnerungskultur sollte das Schweigen beenden, die Opfer würdigen und die nachfolgende Generation über die Verbrechen und Hintergründe informieren. Mit dieser ortsgebundenen Aufklärungsarbeit soll gleichzeitig vermittelt werden, dass Willkür und Terror nicht nur irgendwo weit weg stattfanden, sondern überall systemimmanenter Alltag einer menschenverachtenden Ideologie war.

Durch Aufrufe in der örtlichen Presse und durch Befragungen von Ortsansässigen erhielten wir Berichte und Aussagen von Zeitzeugen. Es meldeten sich vor allem Menschen, die als Kinder und Jugendliche die Schreckensherrschaft miterlebt hatten und häufig zum ersten Mal über ihre Erlebnisse berichten konnten. Über den Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Gedenkstätte selbst und eigene Nachforschungen bekamen wir Kontakt zu Opfern, bzw. deren Angehörigen.

Erste Ergebnisse wurden am 09.11.1998, dem 60. Jahrestag der Pogrome, mit einem Rundgang im Ort und einer Veranstaltung mit Zeitzeugen im Sitzungssaal des Ortsamtes präsentiert. Hilfreich war in diesem Zusammenhang, dass der damalige Ortsamtsleiter, Uwe Hansen, unserer Arbeit wohlwollend gegenüberstand. Denn das gesellschaftliche Umfeld für die Aufarbeitung dieser Zeit ist in einem eher ländlich geprägten Vorort von Hamburg ungünstig, da führende Persönlichkeiten zur damaligen Zeit auch heute noch im Ort eine hohe Wertschätzung erfahren. Eine Verquickung dieser Personen mit dem Naziregime wird daher als Herabwürdigung angesehen und als „Nestbeschmutzung“ verstanden und ist außerdem „doch schon viel zu lange her“. Die erste Veranstaltung war trotzdem gut besucht und eine Ermutigung für den Arbeitskreis.

Bereits 1998 verteilten wir an die Besucher Flyer, die in groben Zügen über den Arbeitskreis informierten und die Inhalte der Veranstaltung wiedergaben, eine Praxis, die wir bis heute beibehalten haben. Sie dokumentieren die thematische Breite unserer Veranstaltungen.

Seit 1998 organisieren wir mindesten eine, maximal drei öffentliche Veranstaltungen im Jahr und verbinden das im November auch mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer. Daran beteiligen sich die im Regionalausschuss vertretende Parteien sowie die Ev.-luth. Kirchengemeinde und die Karmel Klosterzelle in Finkenwerder mit einer Kranz-Spende.

Mahnmal von Axel Groehl
Mahnmal von Axel Groehl für die Opfer des Nationalsozialismus.

Unsere Tätigkeit umfasste, neben der Erkundung der Ortsgeschichte, die Begleitung der Opfer bei der Spurensuche vor Ort. Wir empfingen Amicale-Delegationen, die im Rahmen der Pilgrims-Reisen das Mahnmal in Finkenwerder aufsuchten und versuchten den Kontakt mit den Opfern brieflich zu vertiefen. Wir lieferten Informationen für Diplomarbeiten, Referate und Firmenpublikationen (MAN) über Lagerstandorte und konnten eine eindrucksvolle Schilderung von Lidija Kaschkina, die als 15jährige aus der Ukraine nach Finkenwerder verschleppt wurde, für ein Buchprojekt vermittelt („Mit Koffer und Teddybär“) vermitteln.

In einem Fall haben wir den Kontakt zu einer Finkenwerder Familie hergestellt, bei dem der ehemalige Zwangsarbeiter menschlich anständig behandelt wurde.

Außerdem zeigen wir eigene Videos, bzw. Leihvideos oder Ausschnitte aus Videokopien der KZ-Gedenkstätte mit Zeitzeugen, deren Schicksal wir bei den Veranstaltungen behandeln.

Zu bestimmten Themen luden wir Referenten ein, beispielsweise Frau Dr. Littmann über Zwangsarbeiter, Herrn Dr. Hering für die Kirche unterm Hakenkreuz, Herrn Dr. Goltz wegen der drei Kinau-Brüder und Frau Dr. Rothmaler zur Euthanasie und Zwangssterilisation. Wir kündigen die Veranstaltungen regelmäßig in der Presse an. Im Anschluss erscheint dann meist ein Bericht.

Besonders wichtig ist uns der Kontakt zu den Schulen. Wir bieten Rundgänge für die Klassen an. Denn Lehrer und Schüler wissen kaum von der Vergangenheit als Rüstungszentrum und Leidensort für Tausende von Menschen aus ganz Europa, die hier der Willkürherrschaft eines verbrecherischen Regimes ausgeliefert waren.

Eine weitere Gedenkstätte in Finkenwerder wurde im August 2006 der Öffentlichkeit übergeben. Das Denkmal, die Fundamente des U-Boot-Bunkers FINK II, wurde anlässlich der Airbuserweiterung wieder freigelegt. Die Realisierungsgesellschaft der Hansestadt veranstaltete einen Ideewettbewerb für die Gestaltung der Bunkerruine und das Umfeld. Die Jury, in der auch unser Arbeitskreis vertreten war, bewertete die Vorschläge. Im weiteren Verfahren haben wir beim Text der Stele und den Tafeln auf dem ehemaligen Werftgelände wichtige Hinweise gegeben.

Besuch der belgischen Amicale
Besuch der belgischen Amicale mit dem ehemaligen Häftling Alfred Cornut.

In der offiziellen Stadtteilbroschüre informieren wir seit 2008 über unseren Arbeitskreis, so dass auch Neubürger von uns Kenntnis erhalten. Zu jeder unserer Veranstaltung versenden wir inzwischen Einladungen an über 100 Interessierte, die sich bisher in unseren Listen eingetragen haben. In vergrößerter Kopie nutzen wir sie auch für die Aushänge in den Geschäften und an Informationstafeln im Ort.

Unsere Besucherzahl liegt zwischen 10 und 80 Personen. Zielgruppe sind die Finkenwerder Einwohner und die Lehrer und Schüler an unseren Schulen. Für unsere eigene Weiterbildung nehmen wir an den Außenlager-Tagungen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme teil und an Exkursionen des „Freundeskreises der KZ-Gedenkstätte Neuengamme“.

Alle unsere Themen haben einen direkten oder indirekten Bezug zum Stadtteil und sollen möglichst die ganze Bandbreite von Ausgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung und Ausbeutung bis zur Vernichtung umfassen, denen die Menschen in der Nazizeit ausgesetzt waren. Da in Altenwerder niemand mehr wohnt, wird das Gelände von uns mit bearbeitet.

Würdigung durch die Stiftung Auschwitz-Komitee
Wir freuen uns über die Würdigung durch die Stiftung Auschwitz-Komitee.

Von der Stiftung Auschwitz-Komitee erhielten wir 2010 den Hans-Frankenthal-Preis, der in dem Jahr zum ersten Mal verliehen wurde. Hans Frankenthal war ein ehemaliger Häftling in Auschwitz-Morowitz und langjähriges Mitglied im Komitee der Auschwitz-Überlebenden.

Die Laudatio schrieb der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Detlef Garbe. Diese Ehrung war mit einem Preisgeld von € 1000,00 verbunden. Noch wichtiger war allerdings die damit moralische Unterstützung für unsere Arbeit. Gleichzeitig bedeutete es eine sehr willkommene Motivation für die Fortsetzung unserer Arbeit.

Inzwischen ist unsere Arbeit mit den unmittelbaren Zeitzeugen für diese Zeit mehr oder weniger beendet. Das Material wurde in der Präsenz-Bibliohek archiviert.

Unter dem inzwischen kürzeren Namen „Finkenwerder Geschichtswerkstatt“ arbeiten wir seit 2015 an ergänzenden Projekten. Zunächst geriet der Alte Friedhof Finkenwerder in unser Blickfeld mit seinen Prunkpforten und der Fritz Schumacher-Kapelle. Hier drohte der Abriss der verwahrlosten Kapelle und damit eines der wenigen Gebäude von Fritz Schumacher, die sich in Finkenwerder befinden. Zum Glück entschied sich die Bezirksversammlung Hamburg-Mitte schließlich für den Erhalt und die Sanierung der Kapelle.

Wir hatten uns inzwischen um die Trägerschaft beworben und erhielten für unser Konzept positive Signale aus der Politik. Bei unserer Veranstaltung 2011 und beim „Tag des offenen Denkmals“ unter dem Motto „Unbequeme Denkmäler“ 2013 führten wir die Besucher über den historisch und kulturell aufschlussreichen Ort und konnten auch die Innenräume zeigen.

Kapelle Alter Friedhof Finkenwerder
Kapelle Alter Friedhof Finkenwerder, 05/2011.

Wir nutzen die Kapelle in Kooperation mit den Finkenwerder Schulen und dem Haus der Jugend als außerschulischem Lernort.

Hier zeigen wir wechselnde Ausstellungen und haben endlich das Gebäude für unsere Geschichtswerkstatt, da wir eine der wenigen Initiativen waren die für ihre Kultur- und Bildungsarbeit über keinen festen Ort verfügte. Es fehlten auch Informationen über die Geschichte des Friedhofs, die Kapelle, das Kriegerdenkmal von Richard Kuöhl und die verschiedenen Gräberfelder, die wir uns aus den Stadtarchiven besorgten.

2013 beteiligten wir uns auch mit der U-Boot–Bunkerruine am „Tag des offenen Denkmals“. Die Resonanz war überwältigend. An beiden Tagen boten wir jeweils einen halben Tag Führungen an und erreichten insgesamt 500 Menschen, die sich eines der wenigen öffentlichen Zeugnisse des faschistischen Regimes in Finkenwerder erläutern ließen.

Die dänische Amicale besucht das Mahnmal
TRIALOG DER KULTUREN am U-Boot-Denkmal FINK II.

Anfang 2014 boten wir zwei Geschichtsworkshops an. Einmal halbtägig in dem jahrgangs- und schulübergreifenden Projekt des Gymnasiums und der Stadtteilschule Finkenwerder der 9. und 10. Klassen, bei der wir unsere Arbeit vorstellten, sowie einmal für die allgemeine Öffentlichkeit, bei dem wir wertvolle Zeitzeugenberichte zur unmittelbaren Nachkriegszeit erhielten. In den Projektwochen kurz vor den Sommerferien gab es wieder eine große Nachfrage hinsichtlich unserer Führungen. Besonders beeindruckend war für uns die Begegnung mit den Schülern der deutschen Partnerschule aus Palästina.

Bei dem „Tag der offenen Denkmals 2014“ stellten wir die Gorch-Fock-Halle von Fritz Schumacher vor, die an den Stirnseiten neben der ehemaligen Bühne mit Wandbildern von Eduard Bargheer ausgeschmückt ist. Diese Bilder wurden in der Nazizeit übermalt und erst 1978 wieder sichtbar gemacht. Wir konnten insgesamt 300 Besucher begrüßen.

Bargheer-Bildern in der Gorch-Fock-Halle
Führung zu den Bargheer-Bildern in der Gorch-Fock-Halle.
Museumsschiffe im ehemaligen Kutterhafen
Museumsschiffe im ehemaligen Kutterhafen.

Die Tage des offenen Denkmals organisieren wir gemeinsam mit dem Museumshafen Finkenwerder. Eines der historischen Schiffe wurde inzwischen als schwimmendes Denkmal anerkannt.

Innerhalb der Schulprojektwochen 2014 wurde auch zu dem Thema Euthanasie-Opfer gearbeitet. Als Ergebnis wurde ein erster Stolperstein in Finkenwerder verlegt. Aus diesem Anlass bildete bei unserer November-Veranstaltung 2014 Euthanasie den Schwerpunkt.

Inzwischen erhält unsere Geschichtswerkstatt, wie bei den anderen Werkstätten üblich, seit 2018 eine institutionelle Förderung. Damit können wir unsere Angebote verstetigen und ausweiten.

Helmke Kaufner
4. August 2018