Euthanasiemorde

09. November 2014, 15:00 Uhr Kranzniederlegung am Mahnmal Rüschweg/Neßpriel. 19:00 Uhr im Gemeindesaal St. Nikolai, Fkw. Landscheideweg 157.
Die NS-Rassenlehre
Nach der NS-Rassenlehre war das arische deutsche Volk „vollkommen“ und für die Herrschaft über andere Völker bestimmt Eine Konsequenz dieses Wahns war das am 14. Juli 1933 erlassene Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Es ermöglichte die Zwangssterilisation.
„Erbkranke“ konnten ihre eigene Sterilisation beantragen, was kaum vorkam. Antragsberechtigt waren außerdem die gesetzlichen Vertreter sowie beamtete Ärzte und Anstaltsleiter. Die im Gesetz aufgeführten „Krankheiten“ waren nicht eindeutig. Arbeitslose, Prostituierte, Bettler, „Asoziale“ oder sozial auffällige Personen waren vom Gesetz eigentlich nicht betroffen. Die Hamburger Gesundheits- und Fürsorgebehörde betrieb bereits im Herbst 1933, Monate vor Inkrafttreten des Gesetzes am 01. Januar 1934, die Erfassung „erbminderwertiger“ Menschen und deren Anzeige zur Sterilisation. Innerhalb kurzer Zeit sichteten die Fürsorgerinnen und Amtsärzte sowie das ärztliche Personal der Heil- und Pflegeanstalten alle Akten. Dabei wurde der Ermessensspielraum sehr eng gegen die Betroffenen ausgelegt. Wer den Prüfenden als „minderwertig“, „moralisch schwachsinnig“ oder „asozial“ galt, wurde gemeldet. In Hamburg fällte das Erbgesundheitsgericht 15816 Sterilisationsbeschlüsse, hinzu kommt eine unbekannte Zahl aus Wandsbek, Altona und Harburg-Wilhelmsburg.
FINKENWERDER SCHICKSALE
Pauline L. hatte mit einem Chinesen aus dem Chinesenviertel auf St Pauli 2 Kinder. Die Verbindung entsprach nicht dem Rassegesetz der Nazis. Der Vater konnte vor der Räumung des Viertels rechtzeitig nach Holland emigrieren. Die Mutter stand unter der Beobachtung der Sozialbehörde und wurde durch den Beschluss des Erbgesundheitsgerichts zwangssterilisiert. Die Kinder lebten mit ihrem Großvater als Ausgebombte in der Dradenausiedlung, später in Finkenwerder. An den Beschlüssen des Gerichts waren Beisitzer beteiligt. Unter anderem der auch später noch hochgeehrte Prof. an der Universität Hamburg, Dr. Hans Bürger-Prinz.

Jakob M. aus Finkenwerder stand wegen seiner Zugehörigkeit zu den Bibelforschern vor dem Hanseatischen Sondergericht. Durch seine Aufgeregtheit veranlasste das Gericht, ihn zunächst auf seine strafrechtliche Schuldfähigkeit zu untersuchen. Aus seiner Krankenakte ging dann hervor, dass er 1934 in der Krankenanstalt Friedrichsberg wegen einer Kopfgrippe auf seinen Geisteszustand hin beobachtet und aufgrund der Diagnose „Schizophrenie“ – die häufigste Begründung dafür – zwangssterilisiert wurde. Tatsächlich lebte Jacob M. bis zu seinem Tod völlig unauffällig und normal.

Anna D.’s Mutter wurde das Sorgerecht entzogen, als angeblich erziehungsunfähig, da ihr älterer Sohn Kommunist war. Anna D. kam mit 12 ins Heim, wurde mit 15 sterilisiert und mit 18 in das Arbeitshaus Farmsen eingeliefert Dort und auch im Arbeitslager Tiefstack musste sie schwere körperliche Arbeit verrichten. Ihr Vormund war die leitende Mitarbeiterin der Sozialbehörde Käthe Petersen. Erst 1957 wurde Anna nach langen und schweren Jahren bemündigt. April 1998 starb sie und wurde auf dem Finkenwerder Friedhof beerdigt

Margarete 0. 1902 geboren, war unverheiratet und arbeitete als Hausangestellte. Nach einem Krankenhausaufenthalt kam sie zurück in ihr Elternhaus, da sie nicht mehr arbeitsfähig war. Gretel, wie sie genannt wurde, kam 1937 in eine Heil- und Pflegeanstalt in Neustadt/Holstein. 1938 besuchte ihre Nichte sie dort, gemeinsam mit ihrem Vater, dem Schwager von Gretel. Sie schien in guter körperlicher Verfassung zu sein, war aber sehr erregt und wiederholte ständig die Worte: „Ik will hier rut. Willi un Hans schöt mi holn.“ Das waren ihre Brüder. Um 1941 herum bekam die Familie die Nachricht, dass Gretel nach einer Verlegung in eine Anstalt in den Osten an einer Krankheit verstorben war.

Hermann Q. wurde März 1936 geboren. Er hatte zwei ältere Geschwister. Hermann war das Sorgenkind der Familie. Er entwickelte sich nicht so wie gleichaltrige Jungen. Zwei Jahre später bekam die Mutter einen weiteren Sohn. 1940 ließ sie sich dazu bewegen, Hermann in die
„Alsterdorfer Anstalten“ zu geben, in der Hoffnung, dass er dort besser betreut werden könnte. Doch im August 1943 wurde er in die „Heil- und Pflegeanstalt Eichberg“ verlegt, wo sein Leben einen Monat später endete. (nach Recherchen einer Projektgruppe des Gymnasiums mit Unterstützung von Klaus Möller.)

Paula. H. wurde 1895 als viertes Kind einer Fischerfamilie geboren. Sie entwickelte sich nicht altersgerecht und musste intensiv betreut werden. Ihre Mutter versorgte sie mit viel Geduld und Hingabe bis sie selbst 1931 starb. Wer nach dem Tod der Mutter Paula betreute, ist unklar.
1937 wurde sie jedenfalls in die Alsterdorfer Anstalten eingeliefert. 1943 gehörte Paula zu den Patienten, die nach Wien verlegt wurden. Hier starb sie an fehlender Pflege und Mangelernährung 1944. (recherchiert von Klaus Müller, Initiative Gedenken in Harhurg)

Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr schrieb Theophil Wurm, Landesbischof der Ev. Landes-Kirche in Württemberg, in einem Brief an den Reichsinnenminister anlässlich der „Euthanasie“-Morde. Doch 1933 konnten die Nazis nahtlos daran anknüpfen, dass die meisten Juristen, Lehrer, Ärzte, Pflegepersonal und Sozialbehörden-Mitarbeiterinnen sowie Fürsorgerinnen den Gedanken der „Rassenhygiene“ zustimmten. Das galt auch für das Personal in den
Einrichtungen der Diakonie und Caritas. Denn bereits in der Weimarer Zeit sollte die „Bestenauslese“ nicht durch falsch verstandene Humanität gestört werden. Die Ressourcen der Gesellschaft sollten „hochwertigen“ Menschen dienen, nicht „minderwertigen“ Personen. Je größer das Massenelend in der Wirtschaftskrise wurde, desto mehr galt die Eugenik mit Auslese und Ausmerzung als Lösung. Mit dem 1933 erlassenen NS- Erbgesundheitsgesetz wurde ein nicht eindeutig bestimmbarer Personenkreis, den die Hamburger durch ein Konstrukt des „angeborenen moralischen Schwachsinns“ erheblich erweiterten, zwangssterilisiert. Ab 1940 folgten Krankenmorde. Psychisch Kranke und Behinderte, sog. „Ballast-Existenzen“ wurden zunächst verlegt, dann in Tötungsanstalten vergast. Nach Protesten ging das Morden weiter, verdeckt und dezentral durch Gift, fehlende Pflege und Mangelernährung.
DIE JUDENPOGROME 1938
Unmittelbarer Auslöser war das Attentat in der deutschen Botschaft in Paris auf den Gesandtschaftsrat Ernst vom Rath durch Herschel Grynszpan. Herschel Grynszpan, geboren in Hannover, emigrierte mit 14 Jahren 1935 zu Verwandten nach Paris, weil es in Deutschland keine Zukunft mehr für Juden gab. Dort erfuhr er, dass die Nazis seine Eltern mit zigtausenden weiteren polnischstämmigen Juden zwangsweise und unter erbärmlichen Umständen in das Niemandsland an die polnische Grenze deportiert hatten. Der verzweifelte junge Mann besorgte sich einen Revolver und schoss am 07. November auf den Gesandtschaftsrat, der zwei Tage später an der Schussverletzung starb.
Die führenden NS-Vertreter hielten sich zu diesem Zeitpunkt in München auf, wo das traditionelle Treffen zur Erinnerung an den 1923 gescheiterten Putsch stattfand. Diese Verzweiflungstat war ein hochwillkommener Anlass, um sofort nach der Todesmeldung Einsatzbefehle für „spontane Vergeltungsaktionen“ an die einzelnen Dienststellen zu übermitteln. Die deutschen Juden sollten gedemütigt, isoliert, eingeschüchtert und unter Zurücklassung ihres Besitzes zur Ausreise gezwungen werden. Die Pogrome waren der Beginn der „Endlösung“ und endeten mit dem millionenfachen Mord an den Juden. V.i.s.d.P. Finkenwerder Geschichtswerkstatt, Helmke Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12.

75. Jahrestag der November-Pogrome 1938 – Erinnerung und Mahnung

10. November 2013
Der Tuchhändler Hermann Rimberg
Herr Rimberg besaß in der Elbstraße 96 nicht nur einen Tuchhandel, sondern führte in Finkenwerder zunächst gemeinsam mit seinem Kompagnon Auerbach auch einen Laden für Stoffe und Kurzwaren am Fkw. Norderdeich 20. Bis Nov. 1938 hatte er ihn weitgehend ausgeräumt und die Waren an seine Kunden in Finkenwerder verschenkt. Er entkam den Pgromen mit seiner Frau und seine beiden Kinder Max und Mary. Sie waren bereits nach N.Y. emigriert.
VERNICHTUNG DURCH ARBEIT

Der Rassenwahn und Vernichtungswille der Nazis richtete sich nicht allein gegen Juden, sondern umfasste sämtliche Feinde der Nazi-Ideologie, wie Kommunisten, Sozialisten, „Volksschädlinge“, Unangepasste, Liberale, Homosexuelle, Sinti und Roma und nach September 1939 insbesondere die osteuropäischen Völker. Sie wurden in großer Zahl umgebracht, vertrieben, versklavt und nach Deutschland verschleppt. Da Finkenwerder ein wichtiger Rüstungsstandort war, schufteten viele Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge aus ganz Europa während des Krieges unter teilweise unmenschlichen Bedingungen auf den Baustellen und Betrieben im Stadtteil. Die schwere körperliche Arbeit verbunden mit mangelhafter Ernährung, unbeschreiblichen hygienischen Bedingungen und unzureichender ärztlicher Versorgung überlebte eine unbekannte Anzahl dieser Menschen nicht. Einige wenige von ihnen wurden, da direkt vor Ort an den Folgen gestorben, auf dem Alten Friedhof Finkenwerder verscharrt. Mit einer Liste dieser Personen konnten wir feststellen, dass ihre sterblichen Überreste 1957 nach Ohlsdorf überführt wurden, wo sie endlich, soweit namentlich bekannt, mit Daten auf einem Grabstein eine angemessene letzte Ruhestätte erhielten.
AUFGETAUCHT

Ab 1941 begann die Deutsche Werft auf Befehl der Wehrmacht (Oberkommando Kriegsmarine) mit dem Bau des U-Bootbunkers, der im zweiten Abschnitt 1944 auf fünf Kammern erweitert wurde. Insgesamt wurde die enorme Menge von 130 000 Kubikmetern Stahlbeton mit einem Gewicht von 263 000 Tonnen verarbeitet. Der Bunker hatte extrem massive Wände und die Decken waren 3,50 und vier Meter dick. Die gesamte Bunkeranlage hatte eine Abmessung von 150 x 200 Meter. In den Boxen wurden die U-Boote ausgerüstet, repariert und gewartet. An den U-Booten wurden auch die Mannschaften ausgebildet. Erst als die Alliierten durchschlagskräftigere Bomben bauen konnten, durchbrachen Treffer die Bunkerdecke. Dabei starben 58 Menschen und 120 wurden verletzt. Kurz darauf war der Krieg ohnehin zu Ende. 1946 versuchten die Briten eine Sprengung. Dabei stürzte die Decke ein, die Seiten und Zwischenwände blieben weitgehend erhalten. Nach dem Abtrag auf 5.70 über NN, der Verfüllung und der Erhöhung der Bunkerfläche 1996 wurden die Reste unsichtbar. Erst als 2002 im Zuge der Start- und Landebahnverlängerung für Airbus der Berg abgetragen wurde, tauchte die monströse Ruine wieder auf. Die städtische Realsierungsgesellschaft ReGe entschloss sich, eines der letzten Zeugnisse des faschistischen Regimes in Finkenwerder als Denkmal herzurichten. Das Denkmal wurde 2006 der Öffentlichkeit übergeben als Erinnerung und Mahnung.
Die November-Pogrome 1938
Das Attentat auf Ernst vom Rath

Ein verzweifelte junger Mann, Herschel Grynszpan, geboren in Hannover, war mit 14 Jahren 1935 zu Verwandten nach Paris emigriert, weil es in Deutschland keine Zukunft mehr für Juden gab. Er hörte dort, dass die Nazis seine Eltern 1938 mit zigtausenden weiteren polnischen Juden und. deutschen Juden mit polnischen Wurzeln zwangsweise und unter erbärmlichen Zuständen an die polnische Grenze deportiert hatten. Er besorgte sich einen Revolver und schoss am 07. November 1938 in der deutschen Botschaft auf den Gesandtschaftsrat Ernst vom Rath, der am 09. November an den Schussverletzungen starb. Die führenden NS-Vertreter hielten sich zu diesem Zeitpunkt in München auf, wo das traditionelle Treffen zur Erinnerung an den 1923 gescheiterten Putsch stattfand. Die Verzweiflungstat war willkommener Anlass für das Regime, den „Volkszorn“ zu organisieren, als „Vergeltungsaktion“ zu deklarieren und damit in der Nacht vom 09. auf den 10. im gesamten Reich zu beginnen. „Hauptziel“, so der Judenreferent im Auswärtigen Amt, Dr. Emil Schumburg, „der deutschen „Judenpolitik“ sei nun die Auswanderung aller im Reichsgebiet lebenden Juden.“
ALS MORD ERLAUBT WAR (RAPHAEL GROSS)

„Das Jahr 1938 steht für eine neue Dimension der Gewalt gegen Juden, für den Übergang von der Diskriminierung und Entrechtung zur systematischen Verfolgung, Beraubung und Vertreibung. Massiv waren die öffentlichen Gewaltexzesse schon in Wien, beim sogenannten Anschluss Österreichs am 12. März 1938. Den Einmarsch begleiteteten heftige antisemitische Ausschreitungen. Wenige Monate später wurden während der sogenannten Juni-Aktion über 1500 jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsen-hausen verschleppt, wo sie brutalsten Misshandlungen ausgesetzt waren. Und schließlich die „Reichskristallnacht“. In der deutschen Geschichte gibt es nichts, was mit den Pogromen im November 1938 vergleichbar wäre. Niemals zuvor wurde das staatliche Gewaltmonopol in aller Öffentlichkeit in die Hände einer antisemitischen „Volksgemeinschaft“ gelegt. Niemals standen Hunderttausende Jüdinnen und Juden einer derart aufgehetzten Bevölkerung gegenüber und mussten Schläge und Erniedrigungen, Totschlag und Mord, die Zerstörung ihrer Häuser, Geschäfte und Wohnungen erleiden.

Ein öffentlichlicher Vorgang, kein Geheimnis – eine erste Katastrophe vor der Katastrophe. Mehr noch als das Jahr 1933 und die sogenannte Machtergreifung Hitlers bildet daher der November 1938 eine Zäsur in der Geschichte.“ In Auszügen zitiert aus dem Beitrag von Raphael Gross in der FAZ vom 30 August 2013. V.i.S.d.P.: Helmke Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, Hamburg

Tag des offenen Denkmals und Deichpartie

07. und 08. September 2013
 

Alter Friedhof Finkenwerder

Der Alte Friedhof Finkenwerder ist ein historisch und kulturell aufschlussreicher Ort. Eingerichtet wurde er vermutlich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Denn auf den ältesten noch vorhandenen Grabsteinen sind aus dieser Zeit entsprechende Daten zu finden. Da die Nikolaikirche im Jahre 1881 errichtet wurde, vermuten wir, dass der Friedhof ebenfalls um diese Zeit herum entstand. Gesicherte Daten fehlen uns jedoch.
Auffallend sind heute zunächst die prächtigen Tore, den Prunkpforten der Obsthöfe im Alten Land nachempfunden. Sie wurden jedoch, wie die kleine Kapelle, erst 1926/27 nach den Plänen von Fritz Schumacher errichtet. Gleichzeitig entstand neben der Kapelle das Kriegerdenkmal von Richard Kuöhl für die Gefallenen des 1.Weltkriegs

U-Boot-Bunker FINK II

Zwischen 1941 und 1944 wurde die 150x200m große Bunkeranlage auf dem Gelände der Deutschen Werft errichtet. Hier wurden U-Boote repariert und ausgerüstet. Bei der Verlängerung der Start- und Landebahn für Airbus 2002 tauchte eines der letzten Zeugnisse des faschistischen NS-Regimes in Finkenwerder wieder auf. Statt die monströse Ruine abreißen zu lassen, entschied sich die ReGe, einen Wettbewerb für ein Mahnmal auszuloben.

Aufgetauchte Geschichte

Als unser Arbeitskreis sich anlässlich der Einweihung des Mahnmals für die NS-Opfer 1996 gründete, um die verdrängte Ortsgeschichte während der Nazi-Zeit zu erforschen, zeigte sich, dass das im Oktober 1944 errichtete Außenlager nur einen geringen Teil dieser Geschichte ausmachte.
Tatsächlich verwandelte sich der Ort bereits mit dem 4-Jahresplan von 1936 zu einem Zentrum nationalsozialistischer Kriegsrüstung. Eine Tatsache, die von den einschlägigen Stadtteilchroniken lautstark beschwiegen wird. Ab 1936 begann Blohm & Voss mit dem Bau einer Flugzeugwerft, um an der völkerrechtswidrigen Neuschaffung einer deutschen Luftwaffe teilzuhaben. Aber weit erfolgreicher mischte die Deutsche Werft in Finkenwerder mit und erlebte durch die Rüstungsaufträge einen außerordentlichen Aufschwung. Ab 1941 begann die Deutsche Werft auf Befehl der Wehrmacht (Oberkommando Kriegsmarine) mit dem Bau des U-Bootbunkers, der im zweiten Abschnitt auf fünf Kammern erweitert wurde. Dabei wurde die enorme Menge von 130 000 Kubikmeter Stahlbeton mit einem Gewicht von 263 000 Tonnen verarbeitet. Bereits hierfür wurden Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge eingesetzt. Die schwere körperliche Arbeit verbunden mit mangelhafter Ernährung, unbeschreiblichen hygienischen Zuständen und unzureichender ärztlicher Versorgung überlebte eine unbekannte Anzahl dieser Arbeiter nicht.
Im Produktionsbetrieb der Werft wurden ebenfalls Zwangsarbeiter eingesetzt.
Ab Oktober 1944 unterhielt die Deutsche Werft auf ihrem Gelände sogar ein eigenes Außenlager des KZ Neuengamme. Mindestens 280 Häftlinge starben bei Bombenangriffen. Wie viele durch die schrecklichen Lager- und Arbeitsbedingungen getötet wurden, ist nicht mehr feststellbar.

U-Boot-Bunker FINK II

Die Bunkeranlage war im Oktober 1946 von den Alliierten gesprengt worden. Der Bunker stürzte ein, die Seiten- und Trennwände blieben jedoch weitgehend erhalten. Anfang der 60er Jahre wurde die Ruine bis auf 5,70 über NN abgetragen und verfüllt Ein vollständiger Abbruch war zu teuer. Nach der Verfüllung des Neßkanals wurde die Fläche erhöht und 1996 als Aussichtsberg hergerichtet. Die Ruine wurde unsichtbar. Nach einem Entwurf von Anja Bremer und Beate Kirsch wurden die Reste des Bunkers als Denkmal 2006 von der ReGe der Öffentlichkeit übergeben.

Judenpogrome 9./10. November 1938

08. November 2012 Gedenkveranstaltung. 18:00 Uhr Mahnmal Kranzniederlegung. 19:00 Uhr Musiksaal Stadtteilschule Finkenwerder: Szenische Lesung „Adressat unbekannt“.
Judenpogrome 9./10. Nov. 1938

Die Novemberpogrome waren Vorboten schrecklicher Angriffskriege und unbeschreiblicher Gräueltaten. Der Arbeitskreis nimmt dieses Datum zum Anlass, aller Opfer der Nazis zu gedenken. Regimegegnern wie Gewerkschaftern, Kommunisten und Sozialdemokraten, rassisch verfolgten Juden, Sinti und Roma, sowie Osteuropäern, Unangepassten, Homosexuellen, Bibelforschern und Behinderten. Innerhalb weniger Wochen nach der Machtübernahme vermochten es die Nazis das parlamentarische Leben auszuhebeln und wichtige Grundrechte der Weimarer Verfassung ausser Kraft zu setzen. Wer der Ideologie der Nazis nicht folgen konnte oder wollte, war dem Willkürsystem nunmehr schutzlos ausgeliefert. Ein System von Terror und Angst sowie eine fast hysterische Begeisterung und Unterstützung für das „Dritte Reich“, vom allem durch die sogenannten „Eliten“, verhinderte in den ersten Jahren einen wirksamen Widerstand, bis es zu spät war.
Massnahmen zum Schutz von „Volk und Staat“

Kurz nach dem Reichstagsbrand am 27.02.1933 begannen die Nazis mit Aktionen gegen die von ihnen verfolgten Bevölkerungsgruppen. Einige Daten dazu:
28.02.1933, Massenverhaftungen von Kommunisten und Sozialdemokraten.
24.03.1933, das Ermächtigungsgesetz beseitigt die Gewaltenteilung, das Parlament wird entmachtet
01.04.1933, Boykott jüdischer Geschäfte und Aktionen gegen jüdische Ärzte und Anwälte. 07.04.1933, „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, SPD- , KPD- und nichtarische Mitglieder werden aus dem Öffentlichen Dienst entlassen.
1933/1934, der „Arierparagraph“ wird ausgedehnt auf Berufsvereinigungen, den Kammern, Turn- und Sportvereinen, der Wehrmacht und Studienabschlüsse.
01.01.1934, das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs“ tritt in Kraft. Die von Ärzten und Pflegekräften gemeldeten Personen werden zwangssterilisiert.
15.09.1935, die Nürnberger Gesetzte verbieten Juden die Eheschließung mit nichtjüdischen Partnern und stellen auch außerehelichen Verkehr zwischen solchen Partnern unter Strafe.
Herbst 1935, in Finkenwerder werden die Bibelforscher (Jehovas Zeugen) verhaftet und 1936 verurteilt.
10.10.1936, Errichtung der Reichszentrale zur zentralen „Erfassung und wirksamer Bekämpfung“ von Abtreibung und Homosexualität.
28.10.1938, bis zu 17.000 Juden polnischer Herkunft werden über die Grenze nach Polen abgeschoben.
9./10. Nov.1938, das Attentat auf den deutschen Legationsrat in Paris durch den 17jährigen Herschel Grynszpan dient der NSDAP als Vorwand einen reichsweiten Pogrom anzuzetteln. 01.09.39, Überfall auf Polen. Die „Euthanasie“-Ermächtigung erhält das gleiche Datum. Überall im Land werden Kinder und Erwachsene Patienten getötet.
12.07.1940, nach § 175 verurteilte Homosexuelle werden nach der Haft ins KZ verschleppt.
Herbst 1940 erste Deportationen von Juden, Sinti und Roma beginnen. Deportierten Juden wird das Vermögen konfisziert, Auswandern ihnen verboten.
20.01.1942, auf der Wannsee-Konferenz koordinieren die Vertreter der Reichsbehörden und der SS die Ermordung der europäischen Juden.
Ab 1943, alle noch im „Altreich“ verbliebene arbeitsfähigen „Volljuden“ ‚Sinti und Roma werden in die Vernichtungslager deportiert.
08.05.1945 die deutsche Wehrmacht kapituliert.
Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme

Unter diesem Namen gründete sich kurz nach der Einweihung des Mahnmals am 16. Dezember 1996 eine Initiative mit dem Ziel, diesen Teil der verdrängten Ortsgeschichte zu erkunden. Treibende Kraft war das Ehepaar Ingeborg und Karl-Heinz Luth. Sie hatten bei der Einweihung Kontakt zu dem anwesenden Ex-Häftling Ernst Nielsen aufgenommen und von ihm viel über das Lager und die Haftbedingungen in Finkenwerder erfahren. Bereits im November 1998 konnte der Arbeitskreis dank inzwischen gesammelter Augenzeugenberichte anlässlich des 60gsten Jahrestages der Pogrome eine öffentliche Veranstaltung zum Thema durchführen. Viele Finkenwerder erhielten dadurch zum ersten Mal Kenntnis von der Existenz und den Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge am Rüstungsstandort Finkenwerder während der Nazizeit.
Seitdem informiert der Arbeitskreis regelmäßig über die Ergebnisse der Recherchen zumThema und begleitet die von Senat und Bürgerschaft eingeladenen nach Fkw verschleppten ehemaligen
KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter auf ihrer Spurensuche vor Ort. Die Novemberveranstaltung verbindet der Arbeitskreis mi einer Kranzniederlegung am Mahnmal. An dieser Veranstaltung beteiligen die Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Nikolai, das kath. Kloster Karmelzelle und sämtliche im Finkenwerder Regionalausschuss vertretenen Parteien mit einer Kranzspende.
Manche meinen, nun müsse Schluss sein mit der Vergangenheit und Schuldvorwürfen. Aber es geht gar nicht um Schuld. Es geht um Respekt vor dem Leiden und den Schicksalen der Opfer. Es geht um Verantwortung für die Zukunft. Fremdenfeindlichkeit und antisemitische Aktivitäten, hier sei an die NSU-Morde oder an den jüngsten Überfall auf einen Rabbiner in Berlin erinnert, klingen wie das unheimliche Echo ausder Vergangenheit. Sie zeigen wie wichtig die Erinnerung an die Vergangenheit bleibt!

„Adressat unbekannt“

Die in der NS-Zeit begangenen Verbrechen erschütterten die ganze Welt. Die Anzahl der ermordeten und gequälten Menschen, die Grausamkeit und Perfektion, mit der die Verbrechen begangen wurden, schienen unvorstellbar. Doch sie geschahen nicht heimlich, sie vollzogen sich vor der Weltöffentlichkeit. Und bereits September/Oktober 1938 – bevor das ganz große Morden begann -veröffentlichte die New Yorker Zeitschrift Story unter dem Titel „Adressat unbekannt“ einen fiktiven Briefwechsel der Autorin Kressmann Taylor, der sofort ungeheures Aufsehen erregte. Innerhalb von zehn Tagen war die gesamte Auflage ausverkauft.1939 brachte Simon & Schuster den schmalen Text als Buch heraus. In einer Besprechung hieß es:“ Es ist die stärkste Anklage gegen den Nationalsozialismus, die man sich vorstellen kann“.

Die Aufmerksamkeit der Journalisten und Leser galten einer unbekannten Autorin, die als Werbetexterin gearbeitet hatte, bevor sie ihre Anstellung aufgab, um für ihre drei kleinen Kinder zu sorgen. Sie erläuterte damals die Entstehung wie folgt: Der Text basiere auf einigen tatsächlichen geschriebenen Briefen, auf die sie gestossen sei und zur der fiktiven Form umgearbeitet habe. Später geriet der Text in Vergessenheit.

Die neonazistischen Strömungen in wiedervereinten Deutschland, dass erneute Aufkommen von antisemitischen Haltungen in Osteuropa und die zunehmende Popularität der weissen Nationalisten in den USA sowie die grassierende Fremdenfeindlichkeit in vielen Ländern der Welt veranlasste Story den Text 1992 noch einmal abzudrucken. Wieder erregte die Geschichte außergewöhnlich lebhaftes Interesse bei den Lesern. Nach 1995 erschien es als Buch auch in Frankreich und gelangte dort in die Bestsellerlisten
In Deutschland wurde es viel gelesen, gelobt und rezensiert, aber es hat noch eine viel größere Öffentlichkeit verdient. Denn nie wurde das zersetzende Gift des Nationalsozialismus eindringlicher beschrieben.

Der schmale Roman ist ein literarisches Meisterwerk von beklemmender Aktualität. Gestaltet als Briefwechsel zwischen einem Deutschen und seinem amerikanischen, jüdischen Geschäftspartner in den Monaten um Hitlers Machtergreifung beschreibt der Roman in grosser Schlichtheit die dramatische Entwicklung einer Freundschaft. „Welche Hellsichtigkeit! Und welche Kraft!“, urteilte eine Rezension.

Der Fkw Arbeitskreis dankt der Schüler-Theater-AG in Finkenwerder unter Leitung von Uwe Tesch für die Bearbeitung, Gestaltung und szenische Lesung des Textes. V.i.s.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme, Helmke Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Finkenwerder Fischer im Zweiten Weltkrieg

03. Juni 2012, 15:00 Uhr Kapelle Alter Friedhof Fkw.. 16:00 Uhr im Gemeindehaus St. Nikolai, Fkw. Landscheideweg 157.
Finkenwerder Fischer: Minensuchen im Krieg und Heimkehr.
 

KRIEG GEGEN DIE SOWJETUNION / Finkenwerder Fischer im Kriegseinsatz

Seit März 1941 einberufen, wurden sie von Schilksee aus zum Minensuchen im Fehmarnbelt eingesetzt. „Als der Krieg gegen Russland im Juni 1941 ausbrach waren wir in Libau, gegenüber von Osel. Zwischen Land und Insel haben wir geankert mit 7 Schiffen in einer Kolonne. Die „Präsident Freiherr von Maltzahn„ war das Führungsschiff. Dann begannen die Kämpfe auf der Insel Ösel. Bereits nach einem Tag hatten sie die Russen besiegt und kamen mit den gefangenen Russen mit Prahme aufs Festland. Spater sah ich an einem Bahnhof, da wurde Hafer verladen, wie die Russen vor Hunger die einzelnen Haferkörner aufsammelten.
Danach haben wir unsere Schiffe in Ösel angebunden. Nun war da ja keine Gefahr mehr. Die Bevölkerung begrüßte uns freudig: Wir sind die Russen los. Denn die Russen hatten die Bevölkerung ausgeplündert und Sachen zerstört. Wir sahen zum Beispiel einen riesigen Haufen kaputter Fahrräder. Einer aus unserer Mannschaft hat die repariert, und so hatten wir Räder an Bord.“
„In Libau bekam das Schiff ein Aggregat und eine große Kabeltrommel an Deck. Das Kabel war 150m lang und wurde achteraus gefiert. Die Schiffe ankerten nachts vor der Küste und die Besatzung überwachte die Ostsee wegen möglicher russischer Schnellboote.
„In Libau waren auch die Leute mit dem Stern. Die mussten alle auf der Straße laufen und durften nicht auf den Bürgersteig gehen. Und am Strand sollten die Mariner, das wurde erzählt, sie alle abknallen. Aber die haben alle vorbeigeschossen, die konnten das nicht. Da haben sie dafür die SS geholt. Ich habe es nicht gesehen, aber es wurde erzählt. Und SS habe ich dort auch gesehen, erkennbar an den schwarzen Uniformen, sie haben die Gefangenen begleitet.“ -Aussage Hustedt.

1944 wurde Max von Kampen zu einem Lehrgang nach Kopenhagen geschickt. Es fehlte es der Kriegsmarine an erfahrenen Leuten für den U-Boot-Einsatz. Wegen gesundheitlicher Probleme war er allerdings nicht U-boot-tauglich und kehrte zurück auf sein Schiff. Dort bekam er einen Marschbefehl für sich, um ein Reserveteil aus der Maschinenfabrik in Bergedorf abzuholen. Auf dem Rückweg waren die Russen schon in Memel. Da wurde er als einzig vorhandener Nautiker eingesetzt, um eine Fähre mit gefangenen Russen nach Libau zu transportieren, bevor er wieder auf sein Schiff konnte.
 

Der Rückzug beginnt

Vom Generalstab in Libau kam der Marschbefehl nach Gotenhafen. Das Schiff war im Dock, das Wendegetriebe war kaputt. Die lettischen Werftarbeiter waren alle vor den nahenden Russen in die Wälder gelaufen. Es herrschte 20 Grad Frost, alles war vereist. Eine deutsche Werkstattkompanie überbrückte das Wendegetriebe und vier kleine Schlepper brachen das Eis auf. Die Russen schossen bereits in den Hafen hinein. Im Konvoi und mit Schlepperhilfe
verließ das Schiff im letzten Moment den langen Hafen. Unterwegs wurden die Schiffe von russischen Fliegern angegriffen, das Wasser war aufgewühlt, aber kein Schiff wurde getroffen. Gotenhafen war voller Flüchtlinge. „Heimlich nahmen wir welche an Bord, es war nicht erlaubt, aber man konnte das Leid nicht tatenlos mit ansehen.“ Als Schlepperhilfe Richtung Kiel fand er ein Frachtschiff aus Finkenwerder. Auf See bekam das Schiff Motorschaden. „Wir schleppten es jetzt zurück nach Gotenhafen. Nach 8 Tagen Reparatur sind wir im größeren Konvoi wieder ausgelaufen. Um diese Zeit geschah das Unglück mit dem großen Schiff (Gustloff). Wir kamen wohlbehalten in Kiel an. Ein Finkenwerder Kümo schleppte mich durch den Kanal. Von Brunsbüttel bin ich dann allein nach Bremerhaven geschippert“.
 

CHAOS und Kriegsende

Marschbefehl hin oder her, wegen der nahenden Engländer wollten die Bremerhavener mit dem Kriegsschiff nichts mehr zu tun haben. „Wir holten das Wendegetriebe aus Geestemünde und fuhren elbaufwarts nach Finkenwerder in die Eckmann-Werft. Jonny Eckmann sagte, die Engländer stehen vor Hamburg, alle Soldaten müssen Hamburg laut Führerbefehl verteidigen. „Ihr müsst hier weg.“ Er vermittelte eine Werft an der Stör in Wewelsfleth. Ganz Dithmarschen war zu diesem Zeitpunkt voller flüchtender deutscher Soldaten und die Engländer standen schon am anderen Elbufer. Tiefflieger schossen auf Alles, was sich auf den Straßen bewegte. Ein Nazi-Leutnant befahl, mit dem Schiff 50-60 Soldaten an das andere Ufer zu fahren, um dort gegen die Englander zu kämpfen. Notfalls solle er sie rudernd rüberbringen, denn das Schiff sei nur bedingt einsatzfähig, hatte Max von Kampen ihm gesagt. Aber die Engländer kamen immer näher und endlich kam der 9. Mai.
 

Rückkehr in das zivile Leben

„Auf der Fahrt elbaufwärts nach Hamburg haben wir dann das Marinekennzeichen am Kutter übermalt und wieder das HF 314 rangemalt. So kamen wir unbehelligt von den Engländern bei Eckmann an. Im September1945 mussten wir eingezogenen Fischer dann alle nach Hamburg hin, und da sind wir dann aus der Marine entlassen worden. Bis dahin haben wir gefischt. Wir waren die ersten die raus gegangen sind zum Fischen. Viele andere Schiffe meiner Freunde waren im Kanal verloren gegangen, z. B. die von Willi Wüpper und Hini Heinrich, nur Cordes hatte sein Schiff behalten.“
 

Finkenwerder Fischer

Wer aufmerksam die Politik der Nazis verfolgte, merkte sehr schnell wohin die Reise ging. Der Vier- Jahresplan von 1936 mit den Ausgaben für die Rüstungsgüter bestätigte eine Vermutung der kritischen Intelligenz: es gibt bald Krieg! Auch die Fischkutter und ihre Besatzungen waren in die Kriegsplanungen einbezogen. Max von Kampen erlebte als Eigner von HF 314 schon 1937 was die Regierung mit den Fischkuttern vorhatte: „dass die Nazis uns für Kriegszwecke gebrauchen wollten IHR KRIEGT 500 MARK DEN TAG UND DANN SOLLT IHR MINEN-ÜBUNGEN MACHEN: und da konnte man schon merken – wer ein kleines bisschen Grips hatte, dass sie die für Kriegszwecke gebrauchen wollten, weil das Reich so viel dazu gab.“

Nämlich beim Erwerb neuer, leistungsfähigerer Kutter. Der Schiffbau auch kleinerer Typen wurde inzwischen kontinuierlich verbessert. Ab 1938 gewannen Ingenieure durch weitere systematische Forschungsarbeiten die Idee zur Normierung des Schiffstyps als sogenannten Reichsfischkutter. Ab Winter 1941 wurde dieser erste Kutter dann als KFK 1 auf der Eckmann Werft in Finkenwerder gebaut. Das Oberkommando der Kriegsmarine verlangte die Bezeichnung Kriegsfischkutter. Unabhängig davon waren gleich bei Kriegsausbruch alle verfügbaren Fischkutter beschlagnahmt. So zog ein höchst ungleiches Sammelsurium von Kuttern in den Krieg. Für Max von Kampen und sein Schiff begann der Kriegseinsatz im März 1941in Kiel.
 

Max von Kampen

war Jahrgang 1902, als Bauemsohn in Dithmarschen groß geworden und hatte sich im Alter von 20 Jahren der Fischerei zugewandt. Er kam nach Finkenwerder und erwarb 1933 den Fischkutter „Düsseldorf“, HF 314. Er weigerte sich beharrlich in die Partei einzutreten mit dem Hinweis, er gehöre dem „Reichsnährstand“ an, das müsse genügen. Trotz mehrfacher Aufforderung blieb er standhaft. Aus diesem Grunde wurde er von der englischen Besatzungsbehörde in die örtliche Volksvertretung berufen.

Der Arbeitskreis konnte seine auf Kassetten festgehaltenen Kriegserlebnisse auswerten.
V.i.S.P.:KFF Geschichtswerkstatt,c/o H. Kaufner,Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Gedenkveranstaltung anlässlich der Judenpogrome 1938

13. November 2011, 15:00 Uhr Kranzniederlegung am Mahnmal Ecke Rüschweg/Neßpriel mit der ISLE OF GOSPEL.
Ab 16:99 Uhr folgt im Gemeindehaus St. Nikolai, Fkw. Landscheideweg 157, anlässlich der 775-Jahrfeier Finkenwerders ein Heimat.
Abend mit Filmdokumentationen.

DIE POGROMNACHT 9/10 November 1938

Der 9. November war für die Nazis seit 1923 ein besonderer Tag. An diesem Tag, fünf Jahre nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II., versuchte Hitler mit dem „Marsch auf die Feldherrenhalle“ in. München die Reichsregierung zu stürzen. Der Putsch wurde niedergeschlagen. Als sich die
NS-Führung am 09.11.38 in München versammelte, um des „Marsch auf die Feldherrenhalle“ zu gedenken. Die Nachricht vom Tod des deutschen Botschaftssekretärs in Paris, der durch ein Attentat des polnischen Juden, Herschel Grynszpan zwei Tage vorher schwer verletzt wurde, war ein mehr als willkommener Anlass, um „spontane Vergeltungsaktionen“ zu inszenieren. Das Pogrom wurde zum Fanal für eine Mordorgie und Vernichtungsaktion, die bis heute beispiellos ist

Kurz nach der Machtübernahme der NSDAP mit Hitler am 30.01.33 trat am Tag des
Reichtagsbrandes am 28.02.1933 die „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ in Kraft.
Die Grundrechte wurden aufgehoben: jeder Bürger, jede Bürgerin konnte ohne rechtliches Gehör aus polizei-politischen Gründen unbefristet in Schutzhaft genommen werden. Wer durch sein Verhalten, insbesondere durch staatsfeindliche Betätigung, die öffentliche Sicherheit angeblich gefährdete, landete ohne jeden Rechtschutz in den Lagern und Folterkellern der Nazis. Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) entschied über die Schutzbefehle, legte die Dauer fest und beaufsichtigte die Vollstreckung. Diese „Notverordnung“ war eine erste wichtige Etappe zur Willkürherrschaft und NS-Terror.

Ein Leben in Angst
Die ersten Opfer waren die Mitglieder der kommunistischen und der sozialdemokratischen Partei. Auch parteilose Kritiker und Gegner der Faschisten gerieten in die Fänge der Gestapo. Wer jedoch das Parteiprogramm der NSDAP kannte oder Hitlers „Mein Kampf` gelesen hatte, der konnte ahnen, was kurz darauf Schlag auf Schlag folgte: Durch das „Ermächtigungsgesetz“ vom 23.03.33 verlor die gewählte Volksvertretung jede Bedeutung. Boykott der jüdischen Geschäfte 01.04.1933. Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums mit einem Arierparagraphen 07.04.33 Das Gesetz ermöglichte quasi jede willkürliche Personalmaßnahme in Behörden, Verbänden und staatlichen Einrichtungen, um überall Parteigenossen zu installieren. Bücherverbrennung liberaler Autoren 10.05.33 Dazu kam die zunehmende Entrechtung der Juden. Sie mussten ab dem 17. August 1935 laut einer Vornamensverordnung die Zusätze „Israel“ oder „Sara“ tragen. Ab dem 15. September 1935 wurden die Nürnberger Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre erlassen. Als am 9/10 November 1938 die Synagogen zerstört und die Juden von Nazi-Schergen gejagt wurden, zeigte sich deutlich, was kurze Zeit später unter dem Begriff „Endlösung der Judenfrage“ gemeint war: Die Vernichtung!

ZUKUNFT
Die Überlebenden, die die Gräueltaten des Nazis bewusst miterlebten, werden immer weniger. Sie bitten uns nachdrücklich, an diese Schreckenstaten weiterhin zu erinnern und zu mahnen. Sie fürchten, dass sich ein ähnliches Inferno wiederholen könnte und dass die vielen Opfer mit der Zeit in Vergessenheit geraten. Schließlich haben sie selbst erfahren müssen, wie ungenügend die Nachkriegsgesellschaft die Täter rechtlich zur Verantwortung zog. Die Anerkennung als NS-Opfer verlief unzureichend und zäh. Rehabilitiert wurden sie spät und erhielten, wenn überhaupt, schäbige Beträge als Entschädigungen. Für die von der NS-Militärjustiz verurteilten Deserteure der Wehrmacht geschah dies beispielsweise erst 2002. Bis dahin galten sie als „Vaterlandsverräter“ und als Vorbestrafte.
An die 12 Jahre der Nazi-Diktatur zu erinnern, ist auch ein Bekenntnis zu den Grundrechten in unserer Demokratie. Angesichts globaler ökonomischer Krisen sind Rechtsradikalismus,
Nationalismus und Neofaschismus wieder erstarkt. Terrorakte, wie jüngst in Oslo sind Menetekel. In Ungarn werden Grundrechte wie die Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt. Einstmals liberale Länder wie Dänemark und die Niederlande haben starke rechte Parteien, die mit
Fremdenfeindlichkeit Wählerstimmen sammeln. Auch bei uns bekommen rechtsextreme Parteien Parlamentssitze. Für die Einhaltung der Grundrechte ist die Demokratie eine Vorraussetzung, keine Garantie. Wir Bürger müssen deshalb weiter wachsam bleiben und rechtzeitig warnen und mahnen.

Filmdokumentationen
700-Jahrfeier Finkenwerders 1936
2011 feiert der Ort 775 Jahre Finkenwerder. Das 1. Mal wurde so ein Fest 1936 durchgeführt. Die Nazis hatten zu diesem Zeitpunkt bereits alle Ämter, Verbände und Vereine mit Parteigenossen und Regimetreuen besetzt und Freie Gewerkschaften kurzerhand verboten. Ohne die Kontrolle sowie die Federführung bei der Durchführung derartiger Volksfeste war eine solche Veranstaltung zu diesem Zeitpunkt der NS-Diktatur undenkbar. Es lag außerdem im Interesse der NSDAP die Volksgemeinschaft durch derartige Inszenierungen zu stärken und einen einheitlichen Volkskörper zu formen. Der Film zeigt in Ausschnitten die Festaktivitäten. Z.B. eine Marine-Abordnung, die auf dem Alten Friedhof gefallene Soldaten des 1. Weltkriegs ehrten. u. a. den Finkenwerder Autor, Gorch Fock. Seine Schriften wurden von den Nazis für eigene Zwecke instrumentalisiert und in großen Auflagen neu herausgegeben.

Finkenwerder — Veränderungen um jeden Preis?
Die Dokumentation beschreibt ausschnittsweise die Geschichte Finkenwerders und zeigt den Druck und die Belastungen, denen hafennahe Stadtteile und ihre Bewohner in Umbruchsituationen durch überregionale Planungen ausgesetzt sind. Wie sie die Veränderungen in ihrem Stadtteil wahrnehmen, erzählen die Finkenwerder selbst. Das Hamburger Abenblatt kommentierte die Sendung damals wie folgt: „Dass von Gorch Focks Finkenwerder nicht mehr allzuviel übrig geblieben ist, kann kaum überraschen. Aber wie sehr der ehemaligen Elbinsel vom sogenannten Fortschritt zugesetzt wird, ist doch erschreckend… (Die Autoren) redeten in ihrem lobenswerten Bericht …gewiß keiner unrealistischen Idylle das Wort, wohl aber lebenswerte Bedingungen“.

FUNDSTÜCK
Wir finden immer wieder Hinweise auf die Behandlung von KZ-Häftlingen bei der DW:
„Das Verhalten der DW-Arbeiter gegenüber den Häftlingen ist eines deutschen Arbeiters unwürdig. Ich verlange schärfste Heranziehung zur Arbeit und jegliche Zuweisung von Lebensmittel und Rauchwaren sind zu unterbinden. Sollte dies nicht befolgt werden, werde ich nicht davor zurückschrecken, diejenigen der Gestapo zu übergeben“. Auszug von Zeugenaussagen an den Betriebsrat der DW vom 11.06.1945

Der Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme ehrt die vielen Opfer der Nazi-Diktatur am 13.11.11 mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal Ecke /Rüschweg/Neßpriel um 15.00 Uhr Ab 16.00 Uhr zeigt der Arbeitskreis anlässlich der 775-Jahrfeier Finkenwerders 2011 im Gemeindesaal der St. Nikolai-Kirche, Finkenwerder Landscheideweg 157, den Film aus dem Archiv der Landesmedienzentrale Hamburg über die 700-Jahrfeier 1936 mit anschließender Diskussion. Es folgt eine Filmdokumentation über Finkenwerder aus dem Jahr 1981. V.i.S.P.:Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburp

Novemberpogrome 1938

06. November 2010 Gedenkveranstaltung
 

STIFTUNG AUSSCHWITZ-KOMITEE
Die 2009 in Hamburg gegründete Stiftung Auschwitz-Komitee hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Stimmen, die Mahnung und das Vermächtnis derjenigen, welche die nationalsozialistischen Verbrechen noch selbst erlebt und überlebt haben, an die nachfolgenden Generationen weiter zu geben und in Erinnerung zu halten. Die satzungsgemäßen Aufgaben definiert die Stiftung wie folgt: die laufende Unterstützung des 1986 gegründeten Auschwitz-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland e.V. – die jährliche Zuwendung an das Museum Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Oswiecim. – Die jährliche Vergabe des „Hans Frankenthal-Preises“
 

Hans Frankenthal (1926-1999)

so erfuhren wir inzwischen, wurde als Jugendlicher mit seinem Bruder nach Auschwitz verschleppt und überlebte dort zwei Jahre im von der IG Farben betriebenen Außenlager Monowitz. Die Todesmärsche führten die Brüder über das KZ Mittelbau-Dora nach Theresienstadt, wo sie befreit wurden. Beide Brüder kehrten zurück in den Heimatort Schmallenberg im Sauerland. Sie erlebten dort erneut zahlreiche Formen der Ausgrenzung.
Hans Frankenthal wurde 1986 Mitglied im Auschwitz-Komitee, dem er bis zu seinem Tode als Vorstandsmitglied angehörte. Seine vielfältige Bildungsarbeit hatte zum Ziel, ein würdiges Gedenken an die Überlebenden auch in die nachfolgende Generation zu tragen, damit diese die Arbeit gegen das Vergessen fortsetzen.

Über die Stiftung und die erstmalige Preis-Auslobung erfuhr unser Arbeitskreis durch einen Artikel im Hamburger Abendblatt Ende Juni 2010. Die Stiftung will mit dem Preis Gruppen, Initiativen und Institutionen unterstützen, die im Geiste des Komitees Aufldärungs- und Bildungsarbeit gegen das Vergessen leisten.
Wir bewarben uns kurz entschlossen und erfuhren Anfang Oktober 2010, dass unsere langjährige Erinnerungsarbeit vor Ort durch den Stiftungsrat gemeinsam mit der „Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V.“ den Preis erhält und ein Sonderpreis an das Projekt „Transfer“ geht. Es leistet psychosoziale Arbeit mit Verfolgten.

Der Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme ehrt die vielen Opfer der Nazi-Diktatur am 06.11.10 mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal Ecke Rüschweg/Neßpriel um 15.00 Uhr.
Ab 16.00 Uhr präsentiert John Peters im Gemeindesaal der St. Nikolai-Kirche, Finkenwerder Landscheideweg 157 seine Besondere Lernleistung aus der Studienstufe der Gesamtschule Finkenwerder.
Dabei konnte John Peters außer eigenen Recherchen und Zeitzeugenbefragungen auch Unterlagen vom Arbeitskreis nutzen.
Anschließend berichtet der Arbeitskreis über der Preisverleihung durch die Stiftung Auschwitz-Komitee. V.i.S.P.:Finkenwcrder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

65 Jahre Befreiung vom Nazi-Terror

13. Mai 2010, 15:00 Uhr Rundgang DW-Gelände, Treffpunkt Mahnmal Rüschweg/Rüschwinkel. 17:00 Uhr Gemeindehaus St. Nikolai Fkw. Landscheideweg 157. Textcollage: Befreite und Befreier.
 

DIE LETZTEN TAGE des „Dritten Reichs“
Deutschland lag in Trümmern und der „Endsieg“ in weiter Ferne. Viele Menschen aus dem Osten durften erst auf Anordnung der Nazi-Regierung in aller letzter Minute vor der Roten Armee flüchten. Alle strömten Heim ins Reich und viele kamen dabei um. Chaos und Mangel wurde für viele Alltag. Trotzdem geiferte die NS-Propaganda gnadenlos gegen „Volksschädlinge“. Die nichtigsten Vergehen wurden als „Wehrkraftzersetzung“ geahndet und von einer Willkürjustiz mit dem Tode bestraft und sofort vollstreckt.

Besonders grauenvoll erging es den KZ-Häftlingen: Keiner, so lautete der Befehl von Himmler, sollte den Befreiern lebend in die Hände fallen. Die Todesmaschinerie der SS lief auf Hochtouren. Wer trotzdem noch halbwegs arbeitsfähig war, wurde in noch nicht befreite Gebiete verfrachtet, um die Produktion von Rüstungsgütern und „Wunderwaffen“ zu sichern. Das Ende der Schreckensherrschaft war greifbar nah. Immer enger schloss sich der Kreis um das von den Nazis noch kontrollierte Gebiet. In die dort vorhandenen Lager wurden die Häftlinge zu Fuß oder mit der Bahn getrieben. Für die meisten von ihnen eine Fahrt oder einen Marsch in den Tod.

Als die Briten z. B. im KZ Neuengamme eintrafen, war das Lager geräumt und alle Spuren beseitigt! Die Skandinavier wurden vom schwedischen Roten Kreuz nach Schweden evakuiert. Die anderen Häftlinge wurden zu Fuß oder in Waggons entweder in die noch nicht befreiten Lager oder in die Lübecker Bucht auf Schiffe verfrachtet. Nur wenige haben das Inferno überlebt. Von drei ehemaligen KZ-Häftlingen aus dem Außenlager Deutsche Werft kennen wir inzwischen ihre Odyssee durch die Lager.
 

Die Befreiung Mai 1945

40 Jahre wurde der Begriff Befreiung für das Ende des Zweiten Weltkriegs in der BRD sorgfältig vermieden oder verschwiemelt „Stunde Null“ genannt. Erst der Bundespräsident Richard von Weizsäcker fand 1985 für den Sieg über die Nazis den angemessenen Ausdruck. Denn es waren nicht nur die hier noch unter elendigen Bedingungen hin vegetierenden Arbeitssklaven, grausam ausgebeutet und malträtiert, die sehnlichst auf das Kriegsende und ihre Befreiung hofften. Auch Deutsche sehnten sich nach Frieden und dem Ende des Terrorregimes. Sie fürchteten allerdings auch Vergeltungsmaßnahmen, denn die Greueltaten waren nicht zu leugnen.

Überraschend schnell wurde die neue Bundesrerepublik in die Völkergemeinschaft wieder aufgenommen und die Vergangenheit verharmlost, verschwiegen, verdrängt. Das Tätervolk schaute lieber in die Zukunft. Man wollte einen Schlussstrich ziehen. Die junge Generation protestierte dagegen, wollte wissen was geschehen war. Opferverbände erinnerten hartnäckig an das begangene Unrecht. Die Forschung zu diesem Teil der Zeitgeschichte wurde immer intensiver. 65 Jahre nach der Kapitulation, 2010, leben nur noch wenigeTäter und Opfer. Aber der Befreiungstag ist inzwischen Teil unserer Erinnerungskultur. Rassismus und Faschismus sind in der Gesellschaft immer noch virulent. Aus Verantwortung für die Zukunft sind wir alle aufgefordert, weiterhin mahnend an die Vergangenheit zu erinnern.

Ernst Nielsen war der erste überlebende KZ-Häftling desAußenlagers DW, den wir kennenlernten:
ERNST NIELSEN, Däne, wurde als Mitglied im dänischen Widerstand Mitte Januar 1945 ins KZ Neuengamme verfrachtet und wenig später ins Außenlager Deutsche Werft: Das Lager in Finkenwerder lag unmittelbar am Zaun der Schiffswerft . Es war kein großes Lager, es enthielt ungefähr 400 Häftlinge und hestand aus 7-8 kleineren Baracken, einer kleinen Krankenstube, einigen Werkstätten, einer Küchen- und eine Stabsbaracke, einer Waschküchenbaracke und einem Lagerhaus für Kohlen und Leichen. Die Wachmannschaft bestand außer dem SS-Leiter, aus Marine-Infanteristen, von denen einige, besonders die ganz jungen, sehr brutal waren. Das Essen im Außenlager war noch schlechter als in Neuengamme. Es bestand in der Regel aus einer dünnen wässrigen Rübensuppe und Schwarzbrot aus Mehl und Sägespänen. Auch von den Rote-Kreuz-Paketen für die Skandinavier profitierte Ernst Nielsen kaum. Das erste Paket erreichte ihn erst Anfang März. Am 11.April kehrte er zurück nach Neuengamme und wurde wegen seines erbämlichen Zustandes am 17. April mit einem Krankentransport des Roten Kreuzes nach Schweden transportiert. Für Ernst Nielsen bedeutete die Bernadotte-Aktion des schwedischen Roten Kreuzes die Rettung aus akuter Lebensgefahr. Denn während der nur insgesamt 3 1/2 Monate Haft als KZ-Häftling hatte er 40 kg Gewicht verloren.

Die beiden anderen Häftlinge mussten noch 2 weitere schreckliche Wochen auf die Rettung warten.
ALFRED CORNUT, Belgier, wurde 1942 aufgefordert in Deutschland Zwangsarbeit zu leisten. Er tauchte ab, wurde aber bei einer Straßenkontrolle verhaftet und mußte in einem belgischen Straflager Zwangsarbeit leisten. Es gelang ihm zu fliehen und er schloss sich dem Widerstand an. Die Gruppe wurde verraten und von der Gestapo verhaftet, schwer gefoltert und am 02. September 1944 erst in das KZ Neuengamme und kurz darauf in das Außenlager Deutsche Werft transportiert.

Cornut wurde bei einem Bombenangriff am 31.12.44 schwer verletzt und kam in das Lazerett des KZ Neuengamme. Mitte April wurde dort ein Zug mit 1.500 Kranken und Verletzten gefüllt und ins Lager Sandbostel abgeladen. Gegen Ende des Monats flüchtete dort die SS-Wachmannschaft. Am 29. April erreichten die Befreier endlich das Lager. Cornut wurde in Alliierten Lazaretten gepflegt und am 29. Mai nach Hause entlassen.

Für viele andere Häftlinge kam die Befreiung zu spät. Sie konnten nicht mehr gerettet werden. Der Befreier MAJOR NIELD ADAMS schildert warum: „Ich habe in diesem Lager Menschen in einem so schlechten körperlichen Zustand gesehen, dass man, wortwörtlich, jeden Knochen in ihren Körpern sehen konnte. Jeder Wirbelkörper der Wirbelsäule, zum Beispiel, stand hervor wie Baumwollspulen, die Schulterblätter und Schlüsselbeine standen hervor, ohne Fleisch auf ihnen, so dass die Vertiefungen auf jeder Seite des Halses ein halbes Pint Wasser jeweils gefasst hätten. Die Rippen standen hervor, und der Teil, wo sich normalerweise der Bauch befindet, war eine solche Aushöhlung, dass es aussah, als ob die Bauchhaut fast auf der Wirbelsäule ruhte. Ich war erstaunt, dass Menschen solche Skelette sein und immer noch leben konnten.Der Gestank des Lagers war unbeschreiblich ekelhaft und man konnte ihn für lange Zeit nicht mehr aus der Nase kriegen. Als unsere Männer das Lager übernahmen, mussten sie über Leichen und Sterbende, die zu schwach waren, sich zu bewegen, steigen; sie fanden sie zu hunderten in eigenen und fremden Exkrementen liegen, und ihre Körper waren damit verklebt, und bitte erinnern Sie sich daran, dass viele von ihnen, bevor sie ins Lager kamen, hochkultivierte, zivilisierte Menschen gewesen waren. Welche Verwahrlosung und Folter von Geist und Seele sie durchgemacht haben müssen, können wir uns nicht vorstellen.

IWAN IWANOWITSCH CHITALJOW, Ukrainer, wurde 1943 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Wegen eines angeblichen Fluchtversuchs verhaftete die Gestapo ihn im März 1944 und steckte ihn in das KZ Großrosen. Über das KZ Bergen-Belsen kam er ins KZ Neuengamme und von dort Dezember 1944 in das Außenlager Deutsche Wertt. Dort erlebte er ebenfalls den Bombenangriff am 31.12.1944, blieb aber unverletzt. Sein deutscher Vorarbeiter Fred erleichterte seinen Häftlingen das Lagerleben etwas. Mitte April 1945 wurde das Außenlager geräumt. Chitaljow wird mit anderen zusammengetrieben und nach Sandbostel verfrachtet. Für ihn kamen die Allierten noch rechtzeitig:

„Dank der Barmherzigkeit schottischer Nonnen und von deutschen Krankenschwestern wurde vielen das Leben gerettet. Nach der Genesung wurden wir über Bremen nach Magdeburg geschickt und an das sowjetische Kommando übergeben. Man sagte, dass von den 12.000 KZ-Häftlingen, die ursprünglich in dieses Lager gebracht worden waren, lediglich 2000 überlebten.“

Dr. HANS ENGEL, Militärarzt und Retter der Überlebenden über seine Ankunft in Sandbostel:
Ich kam mit zwei anderen Militärärzten und 100 Sanitätern zuerst in das Lager. Ich werde diesen Schock nie im Leben vergessen. Da lagen etwa 3000 Leichen im Freien, unbekannt und unbegraben. In den Baracken lagen 4000 Männer, eng gepfropft, 2 oder 3 auf einer Pritsche oder auf dem Boden, in ihrem Exkrement, ohne Decke oder Stroh. Die meisten waren krank, mit Typhus, Ruhr und Flecktyphus, verhungert und verdurstet. Viele konnten weder stehen noch gehen. Der Gestank und der Dreck war entsetzlich und macht mir noch heute Alpdrücken. Alle Patienten mussten gründlich gewaschen und rasiert werden, aber wir hatten nie genug Personal. Wir zogen viele Leute aus den umliegenden Dörfern und Städten ein und schickten Lastwagen in die Krankenhäuser nach Hamburg und Bremen, um ihre Krankenschwestern zu holen. Zuerst sagte ihre Oberin: „Wir werden doch nicht unsere Gesundheit für diese ‚Untermenschen‘ riskieren.“ Da hatte ich, wie wir alle, eine solche Wut auf diese Verbrecher und alle Deutschen überhaupt, ich gab ihnen die Gardinenpredigt meines Lebens, dass unsere britischen Soldaten Tag und Nacht arbeiteten, um Menschenleben zu retten, die wir für wertvoller hielten als sie. Darauf haben sie doch fleißig mitgearbeitet. Drei Wochen später sagte diese Oberin: „Ich habe mich nie im Leben so geschämt, eine Deutsche zu sein, wie an dem Tag als Sie uns den Kopf gewaschen haben.“

Überfall auf Polen 1939 – Kriegsbilder Gorch Fock, HinrichWriede, Hans J. Massaquoi und Rudolf Kinau

1. 5. September 2009
2. GEDENKVERANSTALTUNG
3. 15.00 UHR FINKENWERDER ELTERNSCHULE
KRIEGSBILDER Gorch Fock, Hinrich Wriede, Hans J. Massaquoi und Rudolf Kinau
 

KRIEG und PROPAGANDA

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs wurde von den Deutschen mit Begeisterung begrüßt. Die Lust am Krieg gründete sich auch auf eine Kriegspropaganda mit beispiellosem Erfolg. Der Überschwang führte dazu, dass bereits im ersten Kriegsmonat August 1914 Anderthalbmillionen Kriegsgedichte entstanden, also 50.000 im Tagesdurchschnitt. Ein Dichter, der sich an dieser „Kriegsproduktion“ beteiligte, war Johannes Kinau, alias Gorch Fock, geb. 22.08.1880, gest. 31.05.1916.
 

Der Dichter und sein Werk

Der älteste Sohn eines Fischers auf Finkenwerder sollte nach dem Wunsch seines Vaters eigentlich ebenfalls die Seestiefel anziehen und Fischer werden. Aber der Bub war zu schmächtig und zu sensibel für diesen Beruf. Er lernte Kaufmann, arbeitete bei HAPAG und wurde als Schriftsteller bekannt. Er schrieb in hoch- und plattdeutscher Sprache. In seinem Hauptwerk „Seefahrt ist Not“ stilisierte er den Beruf eines Fischers zum heldenhaften Kampf auf Leben und Tod. Er bediente sich dabei vieler Klischees aus der imperialen Flottenpropaganda des Kaiserreiches, die Wilhelm II. bei einem Stapellauf mit den Worten ausgedrückt hatte: „Bitter not tut uns eine starke Flotte..“
Die Symbolkraft eines „Helden“ führten Gorch Fock über das eigene Buchhalterdasein und die herabwürdigende Existenz seines Vaters auf der Baggerschute hinweg. Die See, Deutschtum, Stolz, Schicksalsergebenheit, Kampfbereitschaft und vor allem heldische Züge, diese Zusammenhänge, toposartig mit dem Namen Gorch Fock verbunden, wurden 1933 gezielt gesucht und entsprechend der Nazi-Ideologie als Führungsgestalten proklamiert und als Legimation ihres Handelns eingesetzt.
 

Überfall auf Polen am 01. September 1939

Dem Überfall auf Polen ging eine heftige Propagandaschlacht der Nazis voran, um den völkerrechtswidrigen Angriff zu rechtfertigen. In Polen wurde mit großer Sorge registriert, wie Tag für Tag Lügen über provokative Angriffe der Polen berichtet wurden. Doch erst der
deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt Ende August mit dem Geheimabkommen zur Teilung des Landes ermutigte die Nazis, die Polen anzugreifen. Es war kein regulärer Krieg. Er wurde nicht erklärt und er richtete sich nicht gegen die Armee. Der Kampf der Nazis galt dem ganzen Volk. Von Anfang an waren zivile Ziele und die Bevölkerung selbst der „Feind“, den es zu bekämpfen galt. Die als „minderwertig“ eingestuften Slawen sollten vernichtet, die „gebrauchsfähigen“ versklavt und das Land und seine Ressourcen für die deutschen Herrenmenschen vereinnahmt werden. Es begann die deutsche Herrschaft in Polen, eines der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts.

Bereits im ersten Weltkrieg wurden das Völkerrecht und die Menschenrechte massiv verletzt. Und gerade im Osten fanden auch Massaker gegen die Zivilbevölkerung statt. Diese unheilvolle Entmenschlichung und Propaganda war noch sehr virulent. Das zeigen Briefe, die im Rahmen der Wehrmachtsausstellung analysiert wurden. Die Nazis benutzten die vorhandenen Ressentiments gegen die Polen und die kriegsverherrlichende Literatur für ihre menschenverachtende Ziele. Zum Beispiel die von Gorch Fock.
 

Hinrich Wriede Lehrer und Rassist

Der mit Gorch Fock befreundete Wriede, geb. in Finkenwerder 04.09.1882 und gestorben am 02.05.1958 in Hamburg, wurde zunächst Lehrer in Finkenwerder. Er versuchte sich als Maler und ging für ein Jahr nach Paris, entschloss sich aber nach der Rückkehr, neben dem Beruf lieber zu publizieren. Hauptsächlich nutzte er dafür das Finkenwerder Platt. In einer Veröffentlichung des Werkbundes für Deutsche Volkstums- und Rassenforschung 1927: „Die Elbinsel Finkenwärder“ beschrieb H. Wriede die Siedlungsgeschichte, die Mundart, die Bräuche, die Wesensart und Eigenart der Insulaner. Dr. Walter Scheidt berichtete im zweiten Teil über die Ergebnisse seiner rassenkundlichen Forschungen der Finkenwerder Bevölkerung; die ersten, die in Nordwestdeutschland durchgeführt wurden. Hinrich Wriede erfuhr erst vor wenigen Jahren wieder das Interesse der Öffentlichkeit. Diesmal galt es vor allem seinem Verhalten in der Nazi-Zeit. Er wurde 1933 Schulleiter in Barmbek, Gauredner, trat der SA bei und erhielt das Goldene Parteiabzeichen. Bereits als Lehrer in Finkenwerder war er nicht gerade zimperlich. Wie seine Gaureden geklungen haben müssen, kann man sich vorstellen. Denn seine Abschiedsrede in der Barmbeker Schule enthielt folgendenPassus: „Der Führer wird dafür sorgen, dass Deutschland nie wieder zu einer Zufluchtstätte für verräterrisches Gesindel wie Juden, Neger und andere Außenseiter wird.“
 

Afrikaner in Hamburg

Die Träume von der Rückeroberbung der deutschen Kolonien in Afrika führten in Hamburg zu einer ambivalenten Haltung gegenüber diesem Personenkreis. Ehemalige afrikanische Beamte in Diensten der Kolonialmacht und Mitglieder der konsularischen Vertretungen wurden, trotz des Rassenwahns der Nazis, nicht verfolgt, um sich die Loyalität dieser Menschen bei der Rückeroberung zu erhalten. Alle anderen Afrikaner waren zwar nicht Ziel des Vernichtungsprogramms der Nazis, erfuhren in dieser Zeit aber durchaus lebensbedrohende Diskriminierungen.
 

Hans J. Massaquoi

Hans Jürgen Massaquoi wurde in Hamburg als uneheliches Kind einer Deutschen und dem Sohn des Konsuls von Liberia 1926 geboren. Die ersten Lebensjahre verbrachte er mit seiner Mutter in der Villa seines Großvaters unter großbürgerlichen Bedingungen. Als der Großvater Deutschland verließ, zog er mit seiner Mutter in ein Arbeiterviertel nach Hamburg-Barmbek Süd. Seine Kindheits- und Jugenderlebnisse beschreibt er in der Autobiografie „Neger, Neger,
Schornsteinfeger!“ Gemäß der Nazi-Ideologie war er als Nicht-Arier „rassich minderwertig“. Mit Hilfe seiner couragierten Mutter und weniger Freunde überlebte er die zwölfjährige Herrschaft der Nazis.
Durch seine Autobiografie, vor allem durch die Verfilmung, wurde der Rassismus seines Rektors Hinrich Wriede bundesweit bekannt. Bisher galt dieser nur als einer der Gründer der „Finkwarder Speeldeel“ und als „Retter der Quickborn-Gesellschaft“ vor der Gleichschaltung im Dritten Reich.
 

Niederdeutsch im Dritten Reich

Die Machtübernahme der Nazis führte zu grundlegenden Veränderungen in der Presse-und Rundfunklandschaft. Einige Aktive der verschiedenen niederdeutschen Vereinigungen, voran die Fehrs-Gilde und die Vereinigung Quickborn, witterten daher Morgenluft. Für diese Organisationen stellte der Übergang zu veränderten politischen Verhältnissen keinen Bruch dar. Sie waren, wie sie selbst betonten, schon vor 1933 völkisch-konservativ ausgerichtet und dienten sich im vorauseilendem Gehorsam sofort den Nationalsozialisten an. Eine „Gleichschaltung“ und Vereinnahmung solch kompatibler Vereine, zumal unter dem Vorsitz von Parteisoldaten, wie Hinrich Wriede, erschienen den Nazis vielleicht auch gar nicht nötig.
 

Rudolf Kinau Hör mal’n beten to

Rudolf Kinau war der jüngere Bruder von Gorch Fock, geb. 23.03.1887 in Finkenwerder und dort 19.11.1975 gestorben. Er wurde nach und neben verschiedenen Berufen, wie Seemann und Fischauktionator ein beliebter Heimatdichter. Einerseits verhalf ihm die Bekanntheit seines Bruders Gorch Fock sich zu etablieren, andererseits brachten ihm die Radiobeiträge, auch im Schulfunk, enorme Popularität. Medien, die die Nazis stark förderten und nutzten. Das Gros der
Niederdeutschen Autoren verhielt sich gegenüber den Nazis sehr kooperativ. Sie gehörten zu den plattdeutschen Schriftstellern, die im Einklang mit Konzeptionen und Organisationsformen nationalpolitischer Kulturpolitik die niederdeutsche Szene beherrschten. Rudolf Kinau war einer von ihnen und erhielt daher nach Kriegsende für kurze Zeit auch Berufsverbot. V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengarmne, c/o II. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Machtübernahme durch die Nazis vor 75 Jahren

Gedenkveranstaltung
04. Mai 2008, 15:00 Uhr Radtour: Nazilager vor Ort. 17:00 Uhr Kundenzentrum HH-Mitte, Fkw.: Zeitzeugenberichte aus Fkw. Lagerwelten
 

HAFT UND LAGER

Schutzhaft, politische Verwahrung einer Person:
1. zu ihrem eigenen Schutz, statthaft beim Vorliegen allgemeinpolizeilicher Gründe; Entlassung in der Regel im laufe des folgenden Tages.
2. zum Schutze der Allgemeinheit. Rechtsgrundlage: die Notverordnung zum Schutze von Volk und Staat v. 28.02.1933 Sie richtet sich aus politisch-polizeilichen Gründen gegen den, der durch sein Verhalten, insbes. durch staatsfeindliche Betätigung, die öffentliche Sicherheit unmittelbar gefährdet.

Konzentrationslager, Unterkunftslager, in denen die Schutzhaft vollstreckt wird. Die Schutzhaft dient der Erhaltung der Volksgemeinschaft; sie ist eine Abwehrmaßnahme gegen staatsfeindliche Betätigung oder ein sonstiges die Volksgemeinschaft unmittelbar gefährdendes Verhalten, insbes. die Störung des nationalsozialistischen Aufbauwerks. Zuständig für die Verhängung der Schutzhaft sind ausschließlich die staatlichen Polizeistellen.Vollstreckung in staatl. Gefängnissen und in Konzentrationslagern stehen unter Aufsicht der Geheimen Staatspolizei.

Unsere Zitate verdanken wir einem Brockhaus von 1941. Hier wird die Nazi-Ideologie unverhohlen propagiert. Die Lager der Nazis hatten ein Doppelgesicht. Die arische Jugend wurde durch das Lagerleben zum Volksgenossen, zum wehrhaften Nazi, zur gebärfreudigen Frau erzogen; für Feinde des Regimes waren die Lager Terror und Mord-Instrumente.
 

ALFRED CORNUT, ein Beispiel

Der belgische Widerstandskämpfer kam am 02. September 1944 ins KZ-Neuengamme, wo ihn bereits die SS mit Hundestaffeln empfing: „mit Gewehr-, Faustschlägen und Stiefeltritten
wurden wir ins KZ geführt, wo ich die Nr. 44816 erhielt. Es übersteigt die Vorstellungskraft, was ein Mensch in so einem Lager alles ertragen musste. Täglich gab es eine große Portion Leid und Schmerzen, unterbrochen durch eine einzige Schüssel undefinierbarer Suppe, in der manchmal ein Stück Kohl oder weiße Rübe die Oberfläche zierte. Nach ca. 14 Tagen wurde ich mit vielen anderen Gefangenen zu einem U-Boot-Werk in Hamburg-Finkenwerder verlagert.

Unsere Aufgabe bestand darin, Trümmer zu beseitigen und Blindgänger zu finden. Viele meiner Kameraden haben diese Arbeit nicht überlebt. Am 31.12.1944 gab es erneut Bombenalarm. Es war uns nicht erlaubt Schutzbunker aufzusuchen. Wir sind gleich von 3 Bomben voll erwischt worden. Ich wurde wie ein Strohhalm in die Luft gewirbelt. Ich war insgesamt 17 Stunden lebendig begraben, mit gebrochenen Knien und taub geworden durch die Explosion. Zwei Monate verbrachte ich unter unmenschlichen Bedingungen im Lazarett. Mitte April wurde ein Zug mit ca. 1500 Leuten zusammengestellt. Nach 2 Tagen flüchtete die SS-Bewachung. Wegen des Vormarsches der Alliierten erreichten wir nicht die Gaskammern von Bergen-Belsen, sondern wurden in Sandborstel befreit.“

Alfred Cornut hat am 30.04.08 mit einer belgischen Delegation am Finkenwerder Mahnmal seine getöteten Kameraden geehrt.

Bereits kurz nach der Machübernahme durch die Nazis wurden die wichtigsten Grundrechte in der Weimarer Verfassung aufgehoben. Gegner und Feinde des Regimes wurden verhaftet. Was deutsche Juden erwartete, zeigte der 1. April 1933, als jüdische Geschäfte boykottiert wurden. Der 1. Mai wurde zwar zum Feiertag erklärt, aber am 2. Mai wurden die Gewerkschaften aufgelöst, das Vermögen konfiziert. Die nicht kooperationsbereiten Funktionäre wurden verhaftet. Ley gründete die Deutsche Arbeitsfront als Untergliederung der NSDAP. Wie rigoros und brutal die Partei aus rassistischen und politischen Gründen mit den Landsleuten umspringen würden, signalisierten die Bücherverbrennungen im Mai 1933 und das ,,Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der Ehre“ von 1935.

Bis hinein in die Familie und Erziehung der Kinder dienten öffentliche und private Angelegenheiten dem Fortbestand und Wachsrum des Deutschen Volkes. Dabei bekamen Gemeinschaftserziehungen in der Schule, der H] und weiteren NS-Organisationen den höchsten Stellenwert. Ein erbgesunder und nationalsozialistischer Volkskörper war das Ziel.

Der Film ,,Die Welle“ zeigt eindrücklich wie in einem Schulexperiment aus normalen Menschen ein gleichgeschalteter Kader mit dem Willen zum bedingungslosen Gehorsam entstehen kann. Ruhe und Ordnung, stramme Haltung und schneidiges Grüssen stehen am Anfang. Am Ende frisst die Institution ihre Kinder: die aggressive Spannung führt zu Eifersüchteleien, Kampf um Rangordnungen und Gewalt. Die Beschämung darüber führt zu Sprachlosigkeit und Verdrängung. Wie im Deutschland nach der Nazizeit verdichtet in der Standardformel:
„Wir haben von nichts gewusst.“
 

FAMILIE und ERZIEHUNG bei den NAZIS

Das Ehegesetz der Nazis war kein Vertrag zwischen freien Menschen, wie vorher, sondern die Grundlage des völkischen Lebens und eine Rechtseinrichtung im Interesse des Fortbestandes des Volkes. Eheverbote ergaben sich aus den Erbgesundheit- und Blutschutzgesetzen. Angehörige der Wehrmacht, der SS und des Reichsarbeitsdienstes benötigten eine Heiratserlaubnis. Der Standesbeamte konnte ein Ehetauglichkeitszeugnis verlangen. Als Scheidungsgrund wurden aufgeführt: Beharrliche Verweigerung der Fortpflanzung. Auch (vorzeitige) Unfruchtbarkeit war ein Grund.
 

Schule und Erziehung im Nazi-Reich

Die deutsche Schule ist ein Teil der national-sozialistischen Erziehungsordnung…. (sie) steht irn Dienst der politischen Bildung und Erziehung unseres Volkstums. Der liberale Schulbegriff ist überwunden …. Schulträger der öffentl. Schulen sind Staat, Gemeinde, im Deutschen Reich neuerdings auch die NSDAP. (HJ und DAF bei den Adolf-Hitler-Schulen) Die Aufbauschulen führen in 6-jährigen Lehrgang zur Hochschulreife, z. B. die Adolf-Hitler-Schulen und die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten.
 

Schulfeier

Festliche Veranstaltung der Schule aus Anlass wichtiger Ereignisse im Schulleben (z.B.: Schulentlassung) und im völkischen Leben (z..B.: nationale Feiertage, Gedenktage). Sie bildet einen wesentlichen Bestandteil der Erziehung innerhalb der Gemeinschaft, indem sie die Schüler im gemeinsamen Erlebnis innerlich zusammenführt.
 

Schulfunk

Der Einsalz des Rundfunks als Bildungs- und Erziehungsmittel der Schule. In Zusammenarbeit der Reichssendeleitung mit der Reichsverwaltung der NS-Lehrerbundes wird die monatliche Sendefolge aufgestellt.
 

Erziehung

Die nationalsozialistische E. stellt alle unter das e i n e Leitbild des kämpferischen, nur dem Fortbestand und Wachstum seines Volkes verpflichteten Menschen, der charakterlich, körperlich und geistig gleichermaßen ertüchtigt werden soll.. Nur Menschen gleicher Art und Haltung können die Erziehung erfahren, die vornehmlich Gemeinschaftserziehung in Mannschaften und Gefolgschaften ist. Träger sind zunächst die nationalsozialistischen Gliederungen und Kampfverbände sowie die Wehrmacht. Für die Jugenderziehung haben besondere Aufgaben die Hitler-Jugend und die Schule.
 

Reichsarbeitsdienst

Organisation des Reiches zur Durchfiihrung der allgemeinen Arbeitsdienstpflicht, die… für die gesamte männliche und weibliche Jugend von vollendetem 18. bis25. Lebensjahr eingeführt wurde. Für den RAD der weiblichen Jugend wurde die Zahl der Arbeitsmaiden durch Erlaß des Führers 1941 auf 130.000 erhöht; gleichzeitig wurde bestimmt. dass die Arbeitsmaiden im Anschluß an die halbjährige Reichsarbeitsdienstpflicht weitere 6 Monate Kriegshilfsdienst in Bürobetrieben der Wehrmacht zu leisten haben. V.i.S.d.P‘: Finkenwemer Arbeitskrels AuBenlager Deutsche Wedt des KZ—Neuengamme, do H. Kaufner, CarsIen-Fock-Weg 12,21129 Hamburg