65 Jahre Befreiung vom Nazi-Terror

13. Mai 2010, 15:00 Uhr Rundgang DW-Gelände, Treffpunkt Mahnmal Rüschweg/Rüschwinkel. 17:00 Uhr Gemeindehaus St. Nikolai Fkw. Landscheideweg 157. Textcollage: Befreite und Befreier.
 

DIE LETZTEN TAGE des „Dritten Reichs“
Deutschland lag in Trümmern und der „Endsieg“ in weiter Ferne. Viele Menschen aus dem Osten durften erst auf Anordnung der Nazi-Regierung in aller letzter Minute vor der Roten Armee flüchten. Alle strömten Heim ins Reich und viele kamen dabei um. Chaos und Mangel wurde für viele Alltag. Trotzdem geiferte die NS-Propaganda gnadenlos gegen „Volksschädlinge“. Die nichtigsten Vergehen wurden als „Wehrkraftzersetzung“ geahndet und von einer Willkürjustiz mit dem Tode bestraft und sofort vollstreckt.

Besonders grauenvoll erging es den KZ-Häftlingen: Keiner, so lautete der Befehl von Himmler, sollte den Befreiern lebend in die Hände fallen. Die Todesmaschinerie der SS lief auf Hochtouren. Wer trotzdem noch halbwegs arbeitsfähig war, wurde in noch nicht befreite Gebiete verfrachtet, um die Produktion von Rüstungsgütern und „Wunderwaffen“ zu sichern. Das Ende der Schreckensherrschaft war greifbar nah. Immer enger schloss sich der Kreis um das von den Nazis noch kontrollierte Gebiet. In die dort vorhandenen Lager wurden die Häftlinge zu Fuß oder mit der Bahn getrieben. Für die meisten von ihnen eine Fahrt oder einen Marsch in den Tod.

Als die Briten z. B. im KZ Neuengamme eintrafen, war das Lager geräumt und alle Spuren beseitigt! Die Skandinavier wurden vom schwedischen Roten Kreuz nach Schweden evakuiert. Die anderen Häftlinge wurden zu Fuß oder in Waggons entweder in die noch nicht befreiten Lager oder in die Lübecker Bucht auf Schiffe verfrachtet. Nur wenige haben das Inferno überlebt. Von drei ehemaligen KZ-Häftlingen aus dem Außenlager Deutsche Werft kennen wir inzwischen ihre Odyssee durch die Lager.
 

Die Befreiung Mai 1945

40 Jahre wurde der Begriff Befreiung für das Ende des Zweiten Weltkriegs in der BRD sorgfältig vermieden oder verschwiemelt „Stunde Null“ genannt. Erst der Bundespräsident Richard von Weizsäcker fand 1985 für den Sieg über die Nazis den angemessenen Ausdruck. Denn es waren nicht nur die hier noch unter elendigen Bedingungen hin vegetierenden Arbeitssklaven, grausam ausgebeutet und malträtiert, die sehnlichst auf das Kriegsende und ihre Befreiung hofften. Auch Deutsche sehnten sich nach Frieden und dem Ende des Terrorregimes. Sie fürchteten allerdings auch Vergeltungsmaßnahmen, denn die Greueltaten waren nicht zu leugnen.

Überraschend schnell wurde die neue Bundesrerepublik in die Völkergemeinschaft wieder aufgenommen und die Vergangenheit verharmlost, verschwiegen, verdrängt. Das Tätervolk schaute lieber in die Zukunft. Man wollte einen Schlussstrich ziehen. Die junge Generation protestierte dagegen, wollte wissen was geschehen war. Opferverbände erinnerten hartnäckig an das begangene Unrecht. Die Forschung zu diesem Teil der Zeitgeschichte wurde immer intensiver. 65 Jahre nach der Kapitulation, 2010, leben nur noch wenigeTäter und Opfer. Aber der Befreiungstag ist inzwischen Teil unserer Erinnerungskultur. Rassismus und Faschismus sind in der Gesellschaft immer noch virulent. Aus Verantwortung für die Zukunft sind wir alle aufgefordert, weiterhin mahnend an die Vergangenheit zu erinnern.

Ernst Nielsen war der erste überlebende KZ-Häftling desAußenlagers DW, den wir kennenlernten:
ERNST NIELSEN, Däne, wurde als Mitglied im dänischen Widerstand Mitte Januar 1945 ins KZ Neuengamme verfrachtet und wenig später ins Außenlager Deutsche Werft: Das Lager in Finkenwerder lag unmittelbar am Zaun der Schiffswerft . Es war kein großes Lager, es enthielt ungefähr 400 Häftlinge und hestand aus 7-8 kleineren Baracken, einer kleinen Krankenstube, einigen Werkstätten, einer Küchen- und eine Stabsbaracke, einer Waschküchenbaracke und einem Lagerhaus für Kohlen und Leichen. Die Wachmannschaft bestand außer dem SS-Leiter, aus Marine-Infanteristen, von denen einige, besonders die ganz jungen, sehr brutal waren. Das Essen im Außenlager war noch schlechter als in Neuengamme. Es bestand in der Regel aus einer dünnen wässrigen Rübensuppe und Schwarzbrot aus Mehl und Sägespänen. Auch von den Rote-Kreuz-Paketen für die Skandinavier profitierte Ernst Nielsen kaum. Das erste Paket erreichte ihn erst Anfang März. Am 11.April kehrte er zurück nach Neuengamme und wurde wegen seines erbämlichen Zustandes am 17. April mit einem Krankentransport des Roten Kreuzes nach Schweden transportiert. Für Ernst Nielsen bedeutete die Bernadotte-Aktion des schwedischen Roten Kreuzes die Rettung aus akuter Lebensgefahr. Denn während der nur insgesamt 3 1/2 Monate Haft als KZ-Häftling hatte er 40 kg Gewicht verloren.

Die beiden anderen Häftlinge mussten noch 2 weitere schreckliche Wochen auf die Rettung warten.
ALFRED CORNUT, Belgier, wurde 1942 aufgefordert in Deutschland Zwangsarbeit zu leisten. Er tauchte ab, wurde aber bei einer Straßenkontrolle verhaftet und mußte in einem belgischen Straflager Zwangsarbeit leisten. Es gelang ihm zu fliehen und er schloss sich dem Widerstand an. Die Gruppe wurde verraten und von der Gestapo verhaftet, schwer gefoltert und am 02. September 1944 erst in das KZ Neuengamme und kurz darauf in das Außenlager Deutsche Werft transportiert.

Cornut wurde bei einem Bombenangriff am 31.12.44 schwer verletzt und kam in das Lazerett des KZ Neuengamme. Mitte April wurde dort ein Zug mit 1.500 Kranken und Verletzten gefüllt und ins Lager Sandbostel abgeladen. Gegen Ende des Monats flüchtete dort die SS-Wachmannschaft. Am 29. April erreichten die Befreier endlich das Lager. Cornut wurde in Alliierten Lazaretten gepflegt und am 29. Mai nach Hause entlassen.

Für viele andere Häftlinge kam die Befreiung zu spät. Sie konnten nicht mehr gerettet werden. Der Befreier MAJOR NIELD ADAMS schildert warum: „Ich habe in diesem Lager Menschen in einem so schlechten körperlichen Zustand gesehen, dass man, wortwörtlich, jeden Knochen in ihren Körpern sehen konnte. Jeder Wirbelkörper der Wirbelsäule, zum Beispiel, stand hervor wie Baumwollspulen, die Schulterblätter und Schlüsselbeine standen hervor, ohne Fleisch auf ihnen, so dass die Vertiefungen auf jeder Seite des Halses ein halbes Pint Wasser jeweils gefasst hätten. Die Rippen standen hervor, und der Teil, wo sich normalerweise der Bauch befindet, war eine solche Aushöhlung, dass es aussah, als ob die Bauchhaut fast auf der Wirbelsäule ruhte. Ich war erstaunt, dass Menschen solche Skelette sein und immer noch leben konnten.Der Gestank des Lagers war unbeschreiblich ekelhaft und man konnte ihn für lange Zeit nicht mehr aus der Nase kriegen. Als unsere Männer das Lager übernahmen, mussten sie über Leichen und Sterbende, die zu schwach waren, sich zu bewegen, steigen; sie fanden sie zu hunderten in eigenen und fremden Exkrementen liegen, und ihre Körper waren damit verklebt, und bitte erinnern Sie sich daran, dass viele von ihnen, bevor sie ins Lager kamen, hochkultivierte, zivilisierte Menschen gewesen waren. Welche Verwahrlosung und Folter von Geist und Seele sie durchgemacht haben müssen, können wir uns nicht vorstellen.

IWAN IWANOWITSCH CHITALJOW, Ukrainer, wurde 1943 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Wegen eines angeblichen Fluchtversuchs verhaftete die Gestapo ihn im März 1944 und steckte ihn in das KZ Großrosen. Über das KZ Bergen-Belsen kam er ins KZ Neuengamme und von dort Dezember 1944 in das Außenlager Deutsche Wertt. Dort erlebte er ebenfalls den Bombenangriff am 31.12.1944, blieb aber unverletzt. Sein deutscher Vorarbeiter Fred erleichterte seinen Häftlingen das Lagerleben etwas. Mitte April 1945 wurde das Außenlager geräumt. Chitaljow wird mit anderen zusammengetrieben und nach Sandbostel verfrachtet. Für ihn kamen die Allierten noch rechtzeitig:

„Dank der Barmherzigkeit schottischer Nonnen und von deutschen Krankenschwestern wurde vielen das Leben gerettet. Nach der Genesung wurden wir über Bremen nach Magdeburg geschickt und an das sowjetische Kommando übergeben. Man sagte, dass von den 12.000 KZ-Häftlingen, die ursprünglich in dieses Lager gebracht worden waren, lediglich 2000 überlebten.“

Dr. HANS ENGEL, Militärarzt und Retter der Überlebenden über seine Ankunft in Sandbostel:
Ich kam mit zwei anderen Militärärzten und 100 Sanitätern zuerst in das Lager. Ich werde diesen Schock nie im Leben vergessen. Da lagen etwa 3000 Leichen im Freien, unbekannt und unbegraben. In den Baracken lagen 4000 Männer, eng gepfropft, 2 oder 3 auf einer Pritsche oder auf dem Boden, in ihrem Exkrement, ohne Decke oder Stroh. Die meisten waren krank, mit Typhus, Ruhr und Flecktyphus, verhungert und verdurstet. Viele konnten weder stehen noch gehen. Der Gestank und der Dreck war entsetzlich und macht mir noch heute Alpdrücken. Alle Patienten mussten gründlich gewaschen und rasiert werden, aber wir hatten nie genug Personal. Wir zogen viele Leute aus den umliegenden Dörfern und Städten ein und schickten Lastwagen in die Krankenhäuser nach Hamburg und Bremen, um ihre Krankenschwestern zu holen. Zuerst sagte ihre Oberin: „Wir werden doch nicht unsere Gesundheit für diese ‚Untermenschen‘ riskieren.“ Da hatte ich, wie wir alle, eine solche Wut auf diese Verbrecher und alle Deutschen überhaupt, ich gab ihnen die Gardinenpredigt meines Lebens, dass unsere britischen Soldaten Tag und Nacht arbeiteten, um Menschenleben zu retten, die wir für wertvoller hielten als sie. Darauf haben sie doch fleißig mitgearbeitet. Drei Wochen später sagte diese Oberin: „Ich habe mich nie im Leben so geschämt, eine Deutsche zu sein, wie an dem Tag als Sie uns den Kopf gewaschen haben.“

Überfall auf Polen 1939 – Kriegsbilder Gorch Fock, HinrichWriede, Hans J. Massaquoi und Rudolf Kinau

1. 5. September 2009
2. GEDENKVERANSTALTUNG
3. 15.00 UHR FINKENWERDER ELTERNSCHULE
KRIEGSBILDER Gorch Fock, Hinrich Wriede, Hans J. Massaquoi und Rudolf Kinau
 

KRIEG und PROPAGANDA

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs wurde von den Deutschen mit Begeisterung begrüßt. Die Lust am Krieg gründete sich auch auf eine Kriegspropaganda mit beispiellosem Erfolg. Der Überschwang führte dazu, dass bereits im ersten Kriegsmonat August 1914 Anderthalbmillionen Kriegsgedichte entstanden, also 50.000 im Tagesdurchschnitt. Ein Dichter, der sich an dieser „Kriegsproduktion“ beteiligte, war Johannes Kinau, alias Gorch Fock, geb. 22.08.1880, gest. 31.05.1916.
 

Der Dichter und sein Werk

Der älteste Sohn eines Fischers auf Finkenwerder sollte nach dem Wunsch seines Vaters eigentlich ebenfalls die Seestiefel anziehen und Fischer werden. Aber der Bub war zu schmächtig und zu sensibel für diesen Beruf. Er lernte Kaufmann, arbeitete bei HAPAG und wurde als Schriftsteller bekannt. Er schrieb in hoch- und plattdeutscher Sprache. In seinem Hauptwerk „Seefahrt ist Not“ stilisierte er den Beruf eines Fischers zum heldenhaften Kampf auf Leben und Tod. Er bediente sich dabei vieler Klischees aus der imperialen Flottenpropaganda des Kaiserreiches, die Wilhelm II. bei einem Stapellauf mit den Worten ausgedrückt hatte: „Bitter not tut uns eine starke Flotte..“
Die Symbolkraft eines „Helden“ führten Gorch Fock über das eigene Buchhalterdasein und die herabwürdigende Existenz seines Vaters auf der Baggerschute hinweg. Die See, Deutschtum, Stolz, Schicksalsergebenheit, Kampfbereitschaft und vor allem heldische Züge, diese Zusammenhänge, toposartig mit dem Namen Gorch Fock verbunden, wurden 1933 gezielt gesucht und entsprechend der Nazi-Ideologie als Führungsgestalten proklamiert und als Legimation ihres Handelns eingesetzt.
 

Überfall auf Polen am 01. September 1939

Dem Überfall auf Polen ging eine heftige Propagandaschlacht der Nazis voran, um den völkerrechtswidrigen Angriff zu rechtfertigen. In Polen wurde mit großer Sorge registriert, wie Tag für Tag Lügen über provokative Angriffe der Polen berichtet wurden. Doch erst der
deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt Ende August mit dem Geheimabkommen zur Teilung des Landes ermutigte die Nazis, die Polen anzugreifen. Es war kein regulärer Krieg. Er wurde nicht erklärt und er richtete sich nicht gegen die Armee. Der Kampf der Nazis galt dem ganzen Volk. Von Anfang an waren zivile Ziele und die Bevölkerung selbst der „Feind“, den es zu bekämpfen galt. Die als „minderwertig“ eingestuften Slawen sollten vernichtet, die „gebrauchsfähigen“ versklavt und das Land und seine Ressourcen für die deutschen Herrenmenschen vereinnahmt werden. Es begann die deutsche Herrschaft in Polen, eines der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts.

Bereits im ersten Weltkrieg wurden das Völkerrecht und die Menschenrechte massiv verletzt. Und gerade im Osten fanden auch Massaker gegen die Zivilbevölkerung statt. Diese unheilvolle Entmenschlichung und Propaganda war noch sehr virulent. Das zeigen Briefe, die im Rahmen der Wehrmachtsausstellung analysiert wurden. Die Nazis benutzten die vorhandenen Ressentiments gegen die Polen und die kriegsverherrlichende Literatur für ihre menschenverachtende Ziele. Zum Beispiel die von Gorch Fock.
 

Hinrich Wriede Lehrer und Rassist

Der mit Gorch Fock befreundete Wriede, geb. in Finkenwerder 04.09.1882 und gestorben am 02.05.1958 in Hamburg, wurde zunächst Lehrer in Finkenwerder. Er versuchte sich als Maler und ging für ein Jahr nach Paris, entschloss sich aber nach der Rückkehr, neben dem Beruf lieber zu publizieren. Hauptsächlich nutzte er dafür das Finkenwerder Platt. In einer Veröffentlichung des Werkbundes für Deutsche Volkstums- und Rassenforschung 1927: „Die Elbinsel Finkenwärder“ beschrieb H. Wriede die Siedlungsgeschichte, die Mundart, die Bräuche, die Wesensart und Eigenart der Insulaner. Dr. Walter Scheidt berichtete im zweiten Teil über die Ergebnisse seiner rassenkundlichen Forschungen der Finkenwerder Bevölkerung; die ersten, die in Nordwestdeutschland durchgeführt wurden. Hinrich Wriede erfuhr erst vor wenigen Jahren wieder das Interesse der Öffentlichkeit. Diesmal galt es vor allem seinem Verhalten in der Nazi-Zeit. Er wurde 1933 Schulleiter in Barmbek, Gauredner, trat der SA bei und erhielt das Goldene Parteiabzeichen. Bereits als Lehrer in Finkenwerder war er nicht gerade zimperlich. Wie seine Gaureden geklungen haben müssen, kann man sich vorstellen. Denn seine Abschiedsrede in der Barmbeker Schule enthielt folgendenPassus: „Der Führer wird dafür sorgen, dass Deutschland nie wieder zu einer Zufluchtstätte für verräterrisches Gesindel wie Juden, Neger und andere Außenseiter wird.“
 

Afrikaner in Hamburg

Die Träume von der Rückeroberbung der deutschen Kolonien in Afrika führten in Hamburg zu einer ambivalenten Haltung gegenüber diesem Personenkreis. Ehemalige afrikanische Beamte in Diensten der Kolonialmacht und Mitglieder der konsularischen Vertretungen wurden, trotz des Rassenwahns der Nazis, nicht verfolgt, um sich die Loyalität dieser Menschen bei der Rückeroberung zu erhalten. Alle anderen Afrikaner waren zwar nicht Ziel des Vernichtungsprogramms der Nazis, erfuhren in dieser Zeit aber durchaus lebensbedrohende Diskriminierungen.
 

Hans J. Massaquoi

Hans Jürgen Massaquoi wurde in Hamburg als uneheliches Kind einer Deutschen und dem Sohn des Konsuls von Liberia 1926 geboren. Die ersten Lebensjahre verbrachte er mit seiner Mutter in der Villa seines Großvaters unter großbürgerlichen Bedingungen. Als der Großvater Deutschland verließ, zog er mit seiner Mutter in ein Arbeiterviertel nach Hamburg-Barmbek Süd. Seine Kindheits- und Jugenderlebnisse beschreibt er in der Autobiografie „Neger, Neger,
Schornsteinfeger!“ Gemäß der Nazi-Ideologie war er als Nicht-Arier „rassich minderwertig“. Mit Hilfe seiner couragierten Mutter und weniger Freunde überlebte er die zwölfjährige Herrschaft der Nazis.
Durch seine Autobiografie, vor allem durch die Verfilmung, wurde der Rassismus seines Rektors Hinrich Wriede bundesweit bekannt. Bisher galt dieser nur als einer der Gründer der „Finkwarder Speeldeel“ und als „Retter der Quickborn-Gesellschaft“ vor der Gleichschaltung im Dritten Reich.
 

Niederdeutsch im Dritten Reich

Die Machtübernahme der Nazis führte zu grundlegenden Veränderungen in der Presse-und Rundfunklandschaft. Einige Aktive der verschiedenen niederdeutschen Vereinigungen, voran die Fehrs-Gilde und die Vereinigung Quickborn, witterten daher Morgenluft. Für diese Organisationen stellte der Übergang zu veränderten politischen Verhältnissen keinen Bruch dar. Sie waren, wie sie selbst betonten, schon vor 1933 völkisch-konservativ ausgerichtet und dienten sich im vorauseilendem Gehorsam sofort den Nationalsozialisten an. Eine „Gleichschaltung“ und Vereinnahmung solch kompatibler Vereine, zumal unter dem Vorsitz von Parteisoldaten, wie Hinrich Wriede, erschienen den Nazis vielleicht auch gar nicht nötig.
 

Rudolf Kinau Hör mal’n beten to

Rudolf Kinau war der jüngere Bruder von Gorch Fock, geb. 23.03.1887 in Finkenwerder und dort 19.11.1975 gestorben. Er wurde nach und neben verschiedenen Berufen, wie Seemann und Fischauktionator ein beliebter Heimatdichter. Einerseits verhalf ihm die Bekanntheit seines Bruders Gorch Fock sich zu etablieren, andererseits brachten ihm die Radiobeiträge, auch im Schulfunk, enorme Popularität. Medien, die die Nazis stark förderten und nutzten. Das Gros der
Niederdeutschen Autoren verhielt sich gegenüber den Nazis sehr kooperativ. Sie gehörten zu den plattdeutschen Schriftstellern, die im Einklang mit Konzeptionen und Organisationsformen nationalpolitischer Kulturpolitik die niederdeutsche Szene beherrschten. Rudolf Kinau war einer von ihnen und erhielt daher nach Kriegsende für kurze Zeit auch Berufsverbot. V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengarmne, c/o II. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Machtübernahme durch die Nazis vor 75 Jahren

Gedenkveranstaltung
04. Mai 2008, 15:00 Uhr Radtour: Nazilager vor Ort. 17:00 Uhr Kundenzentrum HH-Mitte, Fkw.: Zeitzeugenberichte aus Fkw. Lagerwelten
 

HAFT UND LAGER

Schutzhaft, politische Verwahrung einer Person:
1. zu ihrem eigenen Schutz, statthaft beim Vorliegen allgemeinpolizeilicher Gründe; Entlassung in der Regel im laufe des folgenden Tages.
2. zum Schutze der Allgemeinheit. Rechtsgrundlage: die Notverordnung zum Schutze von Volk und Staat v. 28.02.1933 Sie richtet sich aus politisch-polizeilichen Gründen gegen den, der durch sein Verhalten, insbes. durch staatsfeindliche Betätigung, die öffentliche Sicherheit unmittelbar gefährdet.

Konzentrationslager, Unterkunftslager, in denen die Schutzhaft vollstreckt wird. Die Schutzhaft dient der Erhaltung der Volksgemeinschaft; sie ist eine Abwehrmaßnahme gegen staatsfeindliche Betätigung oder ein sonstiges die Volksgemeinschaft unmittelbar gefährdendes Verhalten, insbes. die Störung des nationalsozialistischen Aufbauwerks. Zuständig für die Verhängung der Schutzhaft sind ausschließlich die staatlichen Polizeistellen.Vollstreckung in staatl. Gefängnissen und in Konzentrationslagern stehen unter Aufsicht der Geheimen Staatspolizei.

Unsere Zitate verdanken wir einem Brockhaus von 1941. Hier wird die Nazi-Ideologie unverhohlen propagiert. Die Lager der Nazis hatten ein Doppelgesicht. Die arische Jugend wurde durch das Lagerleben zum Volksgenossen, zum wehrhaften Nazi, zur gebärfreudigen Frau erzogen; für Feinde des Regimes waren die Lager Terror und Mord-Instrumente.
 

ALFRED CORNUT, ein Beispiel

Der belgische Widerstandskämpfer kam am 02. September 1944 ins KZ-Neuengamme, wo ihn bereits die SS mit Hundestaffeln empfing: „mit Gewehr-, Faustschlägen und Stiefeltritten
wurden wir ins KZ geführt, wo ich die Nr. 44816 erhielt. Es übersteigt die Vorstellungskraft, was ein Mensch in so einem Lager alles ertragen musste. Täglich gab es eine große Portion Leid und Schmerzen, unterbrochen durch eine einzige Schüssel undefinierbarer Suppe, in der manchmal ein Stück Kohl oder weiße Rübe die Oberfläche zierte. Nach ca. 14 Tagen wurde ich mit vielen anderen Gefangenen zu einem U-Boot-Werk in Hamburg-Finkenwerder verlagert.

Unsere Aufgabe bestand darin, Trümmer zu beseitigen und Blindgänger zu finden. Viele meiner Kameraden haben diese Arbeit nicht überlebt. Am 31.12.1944 gab es erneut Bombenalarm. Es war uns nicht erlaubt Schutzbunker aufzusuchen. Wir sind gleich von 3 Bomben voll erwischt worden. Ich wurde wie ein Strohhalm in die Luft gewirbelt. Ich war insgesamt 17 Stunden lebendig begraben, mit gebrochenen Knien und taub geworden durch die Explosion. Zwei Monate verbrachte ich unter unmenschlichen Bedingungen im Lazarett. Mitte April wurde ein Zug mit ca. 1500 Leuten zusammengestellt. Nach 2 Tagen flüchtete die SS-Bewachung. Wegen des Vormarsches der Alliierten erreichten wir nicht die Gaskammern von Bergen-Belsen, sondern wurden in Sandborstel befreit.“

Alfred Cornut hat am 30.04.08 mit einer belgischen Delegation am Finkenwerder Mahnmal seine getöteten Kameraden geehrt.

Bereits kurz nach der Machübernahme durch die Nazis wurden die wichtigsten Grundrechte in der Weimarer Verfassung aufgehoben. Gegner und Feinde des Regimes wurden verhaftet. Was deutsche Juden erwartete, zeigte der 1. April 1933, als jüdische Geschäfte boykottiert wurden. Der 1. Mai wurde zwar zum Feiertag erklärt, aber am 2. Mai wurden die Gewerkschaften aufgelöst, das Vermögen konfiziert. Die nicht kooperationsbereiten Funktionäre wurden verhaftet. Ley gründete die Deutsche Arbeitsfront als Untergliederung der NSDAP. Wie rigoros und brutal die Partei aus rassistischen und politischen Gründen mit den Landsleuten umspringen würden, signalisierten die Bücherverbrennungen im Mai 1933 und das ,,Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der Ehre“ von 1935.

Bis hinein in die Familie und Erziehung der Kinder dienten öffentliche und private Angelegenheiten dem Fortbestand und Wachsrum des Deutschen Volkes. Dabei bekamen Gemeinschaftserziehungen in der Schule, der H] und weiteren NS-Organisationen den höchsten Stellenwert. Ein erbgesunder und nationalsozialistischer Volkskörper war das Ziel.

Der Film ,,Die Welle“ zeigt eindrücklich wie in einem Schulexperiment aus normalen Menschen ein gleichgeschalteter Kader mit dem Willen zum bedingungslosen Gehorsam entstehen kann. Ruhe und Ordnung, stramme Haltung und schneidiges Grüssen stehen am Anfang. Am Ende frisst die Institution ihre Kinder: die aggressive Spannung führt zu Eifersüchteleien, Kampf um Rangordnungen und Gewalt. Die Beschämung darüber führt zu Sprachlosigkeit und Verdrängung. Wie im Deutschland nach der Nazizeit verdichtet in der Standardformel:
„Wir haben von nichts gewusst.“
 

FAMILIE und ERZIEHUNG bei den NAZIS

Das Ehegesetz der Nazis war kein Vertrag zwischen freien Menschen, wie vorher, sondern die Grundlage des völkischen Lebens und eine Rechtseinrichtung im Interesse des Fortbestandes des Volkes. Eheverbote ergaben sich aus den Erbgesundheit- und Blutschutzgesetzen. Angehörige der Wehrmacht, der SS und des Reichsarbeitsdienstes benötigten eine Heiratserlaubnis. Der Standesbeamte konnte ein Ehetauglichkeitszeugnis verlangen. Als Scheidungsgrund wurden aufgeführt: Beharrliche Verweigerung der Fortpflanzung. Auch (vorzeitige) Unfruchtbarkeit war ein Grund.
 

Schule und Erziehung im Nazi-Reich

Die deutsche Schule ist ein Teil der national-sozialistischen Erziehungsordnung…. (sie) steht irn Dienst der politischen Bildung und Erziehung unseres Volkstums. Der liberale Schulbegriff ist überwunden …. Schulträger der öffentl. Schulen sind Staat, Gemeinde, im Deutschen Reich neuerdings auch die NSDAP. (HJ und DAF bei den Adolf-Hitler-Schulen) Die Aufbauschulen führen in 6-jährigen Lehrgang zur Hochschulreife, z. B. die Adolf-Hitler-Schulen und die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten.
 

Schulfeier

Festliche Veranstaltung der Schule aus Anlass wichtiger Ereignisse im Schulleben (z.B.: Schulentlassung) und im völkischen Leben (z..B.: nationale Feiertage, Gedenktage). Sie bildet einen wesentlichen Bestandteil der Erziehung innerhalb der Gemeinschaft, indem sie die Schüler im gemeinsamen Erlebnis innerlich zusammenführt.
 

Schulfunk

Der Einsalz des Rundfunks als Bildungs- und Erziehungsmittel der Schule. In Zusammenarbeit der Reichssendeleitung mit der Reichsverwaltung der NS-Lehrerbundes wird die monatliche Sendefolge aufgestellt.
 

Erziehung

Die nationalsozialistische E. stellt alle unter das e i n e Leitbild des kämpferischen, nur dem Fortbestand und Wachstum seines Volkes verpflichteten Menschen, der charakterlich, körperlich und geistig gleichermaßen ertüchtigt werden soll.. Nur Menschen gleicher Art und Haltung können die Erziehung erfahren, die vornehmlich Gemeinschaftserziehung in Mannschaften und Gefolgschaften ist. Träger sind zunächst die nationalsozialistischen Gliederungen und Kampfverbände sowie die Wehrmacht. Für die Jugenderziehung haben besondere Aufgaben die Hitler-Jugend und die Schule.
 

Reichsarbeitsdienst

Organisation des Reiches zur Durchfiihrung der allgemeinen Arbeitsdienstpflicht, die… für die gesamte männliche und weibliche Jugend von vollendetem 18. bis25. Lebensjahr eingeführt wurde. Für den RAD der weiblichen Jugend wurde die Zahl der Arbeitsmaiden durch Erlaß des Führers 1941 auf 130.000 erhöht; gleichzeitig wurde bestimmt. dass die Arbeitsmaiden im Anschluß an die halbjährige Reichsarbeitsdienstpflicht weitere 6 Monate Kriegshilfsdienst in Bürobetrieben der Wehrmacht zu leisten haben. V.i.S.d.P‘: Finkenwemer Arbeitskrels AuBenlager Deutsche Wedt des KZ—Neuengamme, do H. Kaufner, CarsIen-Fock-Weg 12,21129 Hamburg

U-Boot-Bunker FINK II wird Denkmal

20. Mai 2007, 15:00 Uhr Fahrradtour, 17:00 Uhr Elternschule
 

U-Bunker-Denkmal FINK II

1936 wurde Finkenwerder in ein Zentrum der nationalsozialistischen Rüstung verwandelt. Die Vorbereitungen für einen „unvermeidlichen“ Krieg gegen die Sowjetunion begannen hier im gleichen Jahr mit dem Bau der Flugzeugwerft von Blohm & Voss, der „Hamburger Flugzeugwerft GmbH“, um an der völkerrechtswidrigen Neuschaffung einer deutschen Luftwaffe teilzuhaben. Weit erfolgreicher war allerdings die Deutsche Werft. Bis 1936 hatte man sich mehr schlecht als recht mit dem Bau von Motorschiffen über Wasser gehalten. Nun erhielt die Werft völlig neue Perspektiven. Der U-Boot-Bau bescherte dem Unternehmen einen außerordentlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Ab 1941 begann die Deutsche Werft auf Befehl der Wehrmacht mit dem Bau der U-Boot-Anlage Fink II. In zwei Schritten entstand eine der größten U-Boot-Werften auf deutschem Boden. Für die fünf Kammern wurden 130 000 Kubikmeter Stahlbeton mit einem Gewicht von 263 000 Tonnen verbaut. 114 U-Boote verschiedener Typen wurden in den Boxen bis Kriegsende ausgerüstet.

Dieses Zeugnis des faschistischen Staates tauchte wieder auf, als die Start- und Landebahn 2002 für Airbus verlängert wurde. Die ReGe entschloss sich, einen Wettbewerb für ein Denkmal auszuloben. Das Büro „kirsch und bremer“ gewann. Die endgültige Version zeigt die Bunkerfundamente in ihrer gesamten Länge, Schroffheit und Härte. Als Zeichen des Militarismus spricht die historische Masse für sich selbst. Das Mahnmal wurde Anfang September 2006 der Öffentlichkeit übergeben. Eine Text-Stele ergänzt die Geschichte der Bunkeranlage.

Als Zentrum der Kriegsindustrie Hamburgs wurde Finkenwerder auch ein zentraler Ort für den Einsatz vieler Zwangsarbeiter. Diese Menschen wurden entweder als KZ-Häftlinge, als Kriegsgefangene und -internierte, als ost- oder westeuropäische Zwangsarbeiter gezwungen, für die Nazis unter unmenschlichen Bedingungen zu schuften. Viele haben die Strapazen nicht überlebt!
Zum Beispiel Petr Subarenko: Der stellvertretende Kommandoführer des Landes-Schutzbatallion Hamburg-Finkenwärder, Waltershof/Unterelbe berichtete über den Sterbefall folgendes: „Subarenko, Petr, geb. am 26.07.17 im Dorf Karbiwka, Beruf: Bauer, Nationalität Russe Stalag XD Nr. 6927. Der o.a. Sowj. Kriegsgefangene war bei der Arbeitsgemeinschaft FINK II Hamburg-Finkenwärder, Am Rüschkanal, zur Arbeit eingesetzt. Am 14. Dezember meldete er sich beim Lagerarzt krank, der Herzschwäche und Verdacht auf Fleckfieber feststellte. Auf Veranlassung des Lagerarztes wurde der serb. Kgf. Arzt Dr. Singer hinzugerufen, der aber die Diagnose auf Fleckfieber nicht bestätigte… Da der sowj. Kgf. Subarenko seit dem 14.12.42 von der Arbeit freigestellt wurde, konnte die Behandlung mit Lagermitteln durchgeführt werden. Infolge der immer größer werdenden körperlichen Schwäche konnte an ein Transport nach dem Lazarett Wietzendorf nicht gedacht werden. Am 24. Januar 1943 um 03.01 ist der sowj. KGF. Subarenko verstorben. Todesursache Herzschwäche und allgemeine Schwäche.Die Leiche wurde nach Freigabe durch Herrn Stabsarzt Dr. Weiß vom Revier Veddel auf dem für sowj. Kgf. angelegten Friedhof in Waltershof in aller Stille beigesetzt. Die eine Hälfte der Erkennungsmarke wurde dem Toten belassen, die andere Hälfte ging mit dem Bericht an den Lagerarzt Sandborstel… Abschrift des Beerdigungscheines und der Sterbefallanzeige ist zusammen mit dem Bericht dem zuständigen Friedhofsamt Finkenwärder übersandt worden.“
 

DIE STATIONEN:

Schiffsschraube am nördlichen Ende des Rüschweges.
Blick auf die Fundamente des U-Boot-Bunkers FINK II. Zwangsarbeiter haben ihn erbaut. Im ehemaligen U-Boot-Bunker fanden Arbeiter der DW, Zivilpersonen und (ab 1945) auch
KZ-Häftlinge Zuflucht vor den Bombenangriffen. Der Angriff am 09.04.1945 durchschlug die fast vier Meter dicke Bunkerdecke. Dabei starben vermutlich 58 Zivilpersonen, mehr als 120 wurden schwer verletzt.

Aussichtsturm am Ende des Rüschkanals
Blick auf Finkenwerder. Wie sah es in den 40.Jahren des letzten Jahrhunderts hier aus? Marinestützpunkt, Flugzeugwerft Blohm und Voss, Deutsche Werft, Lager auf dem Gelände, an der Pier die „Sierra Corduba“.

Rüschparkpromenade
Stele mit Aufriss des ehemaligen Werftgeländes mit KZ-Außenlager DW des KZ-Neuengamme. Ergänzung um Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlagern auf dem Gelände.

„Brühwürfel“ — Verwaltungsgebäude der Werft
Zentrales Gebäude für die Überlebenden, da bei ihren Besuchen sonst kaum noch etwas vorhanden ist, an dem ihre Erinnerung anknüpfen kann.

Eingang Werftgelände mit Stelen
Hier in der Nähe war der Güterbahnhof, von wo aus die Zwangsarbeiter in ihre Lager geführt wurden. Hier lagerten auch die Gasflaschen. Mit dem Gas wurden die Fesselballons für die
Luftabwehr gefüllt. Die Fesselballons wie auch die Nebeltonnen wurden von den russ. Kriegsgefangenen bedient, die in Baracken im Ort untergebracht waren (Blumen-Wacks).

Eingang zum „Vorland“
Hier, auf dem ehemaligen DW Gelände, befanden sich im Laufe der Nazizeit viele Unterkünfte und Lager, die im Verlaufe des Krieges viele unterschiedliche Funktionen erfüllten. In den Baracken hausten zunehmend Zwangsarbeiterinnen aus West- und Osteuropa. Deren Behandlung war gemäß der Rassenideologie der Nazis sehr unterschiedlich. Die Westeuropäer wurden nicht bewacht und arbeiteten regelhaft bei der Deutschen Werft. Die Lager der Frauen aus Osteuropa waren eingezäunt und bewacht. Sie schufteten vorrangig im Hamburger Hafen und auf der anderen Elbseite in Behörden und Fischfabriken.

Tonnenhof
Die osteuropäischen Mädchen mußten im Hamburger Hafen schwerste körperliche Arbeit leisten und erhielten nur minderwertiges Essen und viel zu geringe Rationen. Dazu fehlte es an hygienischen Mindeststandards und einer ärztlichen Betreuung. Ihre Baracken wurden unmittelbar nach Kriegsende beseitigt.

Ortsamt
Die Hamburger Behörden profitierten massiv von den Zwangsarbeiterinnen: als Putzhilfen, beim Straßen- und Hafenbau, der Straßenreinigung, der Müllabfuhr. Am Ende wurde die Wirtschaft und das öffentliche Leben nur noch durch die Sklavenarbeit der Zwangsarbeiterinnen aufrechterhalten.
 

17.00 Uhr ELTERNSCHULE, Norderschulweg 7, U-Boot-Bunker FINK II, Geschichte – Opfer erinnern sich:

Der U-Boot-Bunker Fink II ist ein zentrales Denkmal für die Kriegslust und den Militarismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in unserem Lande. Nach der Befreiung von der Terrorherrschaft gab es kaum Ansätze sich mit der jüngsten Geschichte auseinander zu setzen. Dass die sichtbaren Zeichen geschleift, zugeschüttet und vergessen wurde, war vielen gerade recht. An dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte wollten sie nicht gern erinnert werden.

Die Autoritäten des Ortes damals waren von der nationalsozialistischen Idee angetan, manche fanatisch. Und alle erhofften einen Aufschwung. Auch persönlich. DieWahlergebnisse für die NSDAP in Finkenwerder sind in Hamburg Legende. Die strammen Lehrer schafften einen fast 100%igen Organisationsgrad bei der HJ. Es gab kaum Widerstand. Doch auch hier wurden die typischen Gruppen Opfer des Systems. Aber die meisten begrüßten die „Neue Zeit“. Außerdem entstand ein vielbeachtetes Wohnprojekt für „Volksgenossen“. Kurzum, die Nazis fanden in Finkenwerder ein Milieu vor, dass ihnen wohlgesonnen war. Die Opfer erwarten zurecht, dass unsere Gesellschaft aus der Geschichte Lehren zieht. Das Bunker-Denkmal FINK II erinnert uns eindrucksvoll an die mörderische Vergangenheit.

ViS.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12,21129 Hamburg

Was Steine erzählen … / Was hat Hamburg nur mit euch Frauen gemacht

07. Mai 2006 Fahrradtour durch Finkenwerder
Film, Zeitzeugen-Berichte
 

Mahnmal Ecke Rüschweg/Neßpriel
Oktober 1944 wurde das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme belegt. Vorher lebten in dem Lager zwangsdeportierte Familien aus Osteuropa.

U-Boot Bunker Fink II/Rüstungsbetriebe
Der Bunker wurde zwischen 1940 und 42 am westlichen Werksgelände gebaut. Er diente auch der Zivilbevölkerung, Werftarbeitern, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen als Schutzbunker. Am 09.04.45 durchschlugen Bomben die 3,5m dicke Decke. Es gab viele Tote und Verletzte. Bei der Luft- und den Schiffswerften schufteten Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen aus ganz Europa.

Norderkirchenweg 5
Gretel 0. zog 1936 nach einer Erkrankung zu ihrer Schwester und kam dann in eine Anstalt in
Neustadt/Holstein. Von dort aus wurde sie 1940 in eine Tötungsanstalt nach Osten verlegt. Ihre Familie erhielt die Nachricht, dass sie dort an einer Krankheit verstorben sei.

Bunker hinter der Westerschule
Zur Luftabwehr mussten russische Kriegsgefangene Fesselballons steigen lassen, um so für feindliche Flugzeuge Teile des Luftraumes zu sperren.

Alter Friedhof Finkenwerder
Denkmal für die Gefallenen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Gräber von Soldaten und Zivilisten, die bei den Luftangriffen auf Finkenwerder umkamen.

Neuer Friedhof Finkenwerder
Grab von Pauline L und von Anna D. Beide wurden wegen der NS-Rassengesetze stigmatisiert und gehören wie z.B. Gretel 0. zu den ausgegrenzten NS-Opfern.

Uhlenhoff / Ostfrieslandstraße
Errichtung von Plattensiedlungen durch KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsinternierte.
Miss-handlung eine KZ-Häftlings. Öffentlicher Wohnungsbau für Volksgenossen entlang der Ostfrieslandstraße und auf Fläche B mit Kunst am Bau.

Ostfrieslandstraße 16
Jüdische Nachbarn ver-schwanden spurlos.

Gründeich gegenüber der Esso-Tankstelle
Exekution eines Häftlings, brutale Behandlung durch Kapos bei der Essensausgabe, Arisierung der Altenwerder Werft Berendsohn. Von dem Lager Rugenberger Str. marschierten russische
Kriegsgefangene in Fünferreihen zur Arbeit nach Finkenwerder.

Flutschutzpromenade Kutterhafen
Die meisten Finkenwerder Fischkutter und ihre Besatzungen wurden im Krieg der Kriegsmarine
unterstellt und müssen Seeminen aufspüren und räumen. Auf dem unbebauten Gelände gegenüber dem „Inseltreff‘ wurde 1936 der Finkenwerder Wasserturm abgerissen. Auf dessen Fundament entstand ein Rundbunker, der bei dem Bombenangriff am 09.04.45 hochgehoben und
zusammengestaucht wurde. Dabei gab es viele Verletzte und Tote.
Flutschutzpromenade Höhe Pahlwerft
Ortsgruppenführer Pahl bedrohte einen Bibelforscher. Ihre Zusammenkünfte wurden während der NS-Herrschaft verboten. Auch die Finkenwerder Gruppe wurde verhaftet und verurteilt.

Dampferbrücke
Misshandlung von Häftlingen, Bombardierung des Petroleumhafens am 20.06.1944.

Zwangsarbeiterlager auf dem Vorland.
Sondergericht und Todesstrafe für einen Diebstahl von Bezugskarten in Neuenfelde und Stempel in Finkenwerder.
 

DER NS-WAHN
Bereits kurz nach der Machtergreifung wurden die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung durch die Nationalsozialisten aufgehoben und rassistische Gesetze erlassen. Gegner und Kritiker der Nazis wie Kommunisten und Sozialdemokraten wurden in Arbeits- oder Konzentrationslager verfrachtet. Bereits am 1. April 1933 wurden die jüdischen Geschäfte boykottiert. Zwischen der Machtübernahme Januar 1933 und dem Angriff auf Polen am
01. September 1939 hat die NSDAP als Staatspartei die Opposition ausgeschaltet und das Volk gleichgeschaltet. Juden, Homosexuelle, Jehovas Zeugen, Kranke und Behinderte, sozial
Unangepaßte und Osteuropäer wurden verfolgt, entrechtet, deportiert, eingesperrt und ermordet.
Bis zum Ende des 2. Weltkrieges erschossen, erschlugen und vergasten die „Herrenmenschen“ fast 6 Millionen Greise, Säuglinge, Frauen, Männer und Kinder.

Weitere Hunderttausende überlebten das grausame Regime, blieben aber lebenslang traumarisiert. Der Überlebende KZ-Häftling Ernst Nielsen aus Dänemark hat das folgendermaßen ausgedrückt: „Man kann ein KZ verlassen, aber das KZ verläßt einen nie.“

Die in der NS-Zeit begangenen Verbrechen erschütterten die ganze Welt. Die Anzahl der
ermordeten und gequälten Menschen, die Grausamkeit und Perfektion, mit der die Verbrechen begangen wurden, führten zur Überzeugung, dass die Täter bestraft und die Opfer rehabilitiert und entschädigt werden sollten. Allerdings fehlte es in der Nachkriegszeit an der Bereitschaft zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Die Strukturen des Nazi-Regimes formten weiterhin das Denken und Empfinden der Menschen. In ihrer großen Mehrheit standen sie den Opfern des NS-Wahns auch nach 1945 ablehnend gegenüber.
 

AUSGEGRENZTE OPFER
Ein typisches Beispiel sind die Zwangssterilisationen und die Ermordung im Zuge der NS-„Euthanasie“. Bis 1945 wurden ca. 350.000 Menschen, die an einer körperlichen oder geistigen Krankheit litten oder nur im Verdacht einer solchen standen, zwangssterilisiert. Sie wurden aufgrund der NS-Rassegesetze selektiert und stigmatisiert. Ungefähr 300.000 Menschen wurden ab 1939 als „lebensunwert“ systematisch getötet. Zwangssterilisierte und „Euthanasie“-Geschädigte, die durch den Massenmord an Kranken und sozial Stigmatisierten ihre nächsten Angehörigen verloren haben, gehören zu den ausgegrenzten NS-Opfern. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde erst 1974 außer Kraft gesetzt. Die Feststellung der Nichtigkeit des Gesetzes fand bisher nicht statt. Die auf dem Gesetz beruhenden Entscheidungen wurden erst 1998 vom Bundestag aufgehoben.
Laut Gesetz waren alle Heil- und Pflegeberufe verpflichtet, erbkranke Personen zu erfassen. Eine besondere Rolle spielten dabei die Fürsorgerinnen, die auch „gefährdete“ Personen meldeten. Dazu gehörten nach der nationalsozialistischen Terminologie insbesondere Frauen und Mädchen, die nicht den Normen der damaligen Zeit entsprachen oder aus einem „unwürdigen“ Elternhaus kamen. Die so erfassten Personen wurden als „asozial“ abgestempelt, häufig entmündigt, sterilisiert und in Arbeitshäuser oder -lager eingewiesen.
Die leitende Mitarbeiterin der Hamburger Sozialbehörde, Käthe Petersen, war Sammelvormund für „gefährdete“ Frauen. Ihr wurden insgesamt bis Kriegsende ca. 1500 Menschen als Mündel anvertraut. In Hamburg wurde der zu sterilisierende Personenkreis durch ein Konstrukt des „angeborenen moralischen Schwachsinns“ erheblich ausgeweitet.

Zu den vielen Mündeln von Käthe Petersen gehörte auch Anna D. Ihre Mutter wurde als
„erziehungsunfähig“ bezeichnet. Ihr wurde das Sorgerecht entzogen, da ihr ältester Sohn Mitglied der kommunistischen Partei war. Anna D. kam in ein Waisenhaus, wurde mit 15 sterilisiert und mit 18 in das geschlossene Arbeitshaus Farmsen eingeliefert. Nach schweren Bombenangriffen wurde sie im Juni 1943 von Farmsen aus in das Arbeitslager Tiefstack gebracht, wo sie schwere Arbeit im Straßenbau zu verrichten hatte. Im Juli 1943 wurde sie dann mit Zustimmung von Käthe Petersen in die Bordellbaracke des KZ Buchenwald verlegt. Dort wurde sie von SS-Leuten geprügelt und schwer misshandelt. Kurz vor der Befreiung 1945 aus dem KZ durch die Alliierten wurde Anna in einer grünen Minna nach Farmsen zurücktransportiert.

Erst 1957, nach 18 langen und schweren Jahren, wurde sie durch Gerichtsbeschluss endlich
„bemündigt“. In der ganzen Zeit hatte sie schwer gearbeitet, aber ihr „Arbeitgeber“, die Hamburger Wohlfahrtsbehörde, hatte darüber keine Auf-zeichnungen gemacht und keine Sozialversicherung für sie gezahlt. Für die zahllosen Misshandlungen und die zerstörte Gesundheit erhielt Anna nie einen Ausgleich. Im April 1998 starb sie.

Die Hamburger Behörden wollten sie in einem anonymen Massengrab beisetzen. Freunde von ihr erreichten durch massiven Druck, dass die Urne am 04.09.1998 auf dem Friedhof Finkenwerder im Familiengrab der Freunde beigesetzt wurde. So blieb ihr wenigstens das Massengrab erspart.
Anna D. war ein Opfer der NS-Diktatur, aber eigentlich war sie lebenslang auch ein Opfer der Hamburger Sozialbehörde. In einem Film von 1992 berichtet Anna über die Kehrseite der Wohlfahrt. V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuen-gamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Zerstörte Leben – Menschen in fremder Hand – Zwangssterilisation und „Euthanasie“

09. November 2005 Gedenkveranstaltung
 

Bereits kurz nach der Machtergreifung wurden die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung durch die Nationalsozialisten aufgehoben und rassistische Gesetze erlassen.
Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde z.B. am 14. Juli 1933 verabschiedet und trat im Januar 1934 in Kraft. Die Zwangssterilisierung war der Beginn der rassistisch motivierten Verfolgung, die letztlich zu den Gaskammern führte.

Die Idee des Erbgesundheitsgesetzes war durch und durch rassistisch: „Ziel der dem deutschen Volk artgemäßen Erb- und Rassenpflege ist: eine ausreichende Zahl erbgesunder, für das deutsche Volk rassisch wertvoller, kinderreicher Familien zu allen Zeiten. Der Zuchtgedanke ist Kerngehalt des Rassengedankens. Die künftigen Rechtswahrer müssen sich über das Zuchtziel des deutschen Volkes klar sein.“

Bis zum Ende des 2. Weltkrieges erschossen, verbrannten, erschlugen und vergasten die „Herrenmenschen“ fast 6 Millionen Greise, Säuglinge, Frauen, Männer und Kinder. Die in der NS-Zeit begangenen Verbrechen erschütterten die ganze Welt. Die Anzahl der ermordeten und gequälten Menschen, die Grausamkeit und Perfektion, mit der die Verbrechen begangen waren, führten zur Überzeugung, dass die Täter bestraft und die Opfer rehabilitiert und entschädigt werden sollten. Mit der Entschädigungsgesetzgebung sollte die selbstverständliche Pflicht gegenüber den Opfern erfüllt werden. Darüber hinaus besaß sie elementare Bedeutung für die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit und die Chance, aus der Geschichte lernen zu können.
 

ZWANGSSTERILISATION + „EUTHANASIE“

Die mangelnde Bereitschaft zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen sowie personelle und
ideologische Kontinuität waren auch ein Hemmnis für die Entschädigungspolitik. Die ideologischen Strukturen des Nazi-Regimes formten weiterhin das Denken und Empfinden der Menschen. In ihrer großen Mehrheit standen sie den Opfern des NS-Wahns auch nach 1945 ablehnend gegenüber. Ein typisches Beispiel ist die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit durch Zwangssterilisierung und die Ermordung im Zuge der NS-„Euthanasie“. Bis 1945 wurden ca. 350 000 Menschen, die an einer körperlichen oder geistigen Krankheit litten oder nur im Verdacht einer solchen standen, zwangssterilisiert. Der größte Teil der erfassten Menschen war nicht erbkrank. Sie wurden aufgrund des NS-Rassegesetzes selektiert und stigmatisiert. Ungefähr 300 000 Menschen wurden ab 1939 als „lebensunwert“ systematisch getötet. Zwangssterilisierte und „Euthanasie“-Geschädigte, die durch den Massenmord an Kranken, Behinderten und sozial Stigmatisierten ihre nächsten Angehörigen verloren haben, gehören zu den ausgegrenzten NS-Opfern. Die Geschehnisse der NS-Zeit wirken bei den Betroffenen und ihren Familien nach. Sie tragen zudem schwer an dem noch heute häufig anzutreffenden Vorurteil sie selbst oder ihre Familie seien „minderwertig“ oder „lebensunwert“ gewesen. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde erst 1974 außer Kraft gesetzt. Die Feststellung der Nichtigkeit des Gesetzes fand bisher nicht statt. Die auf dem Gesetz beruhenden Entscheidungen wurden erst 1998 vom Bundestag aufgehoben.
 

MENSCHEN in fremder HAND

Gretel 0. war unverheiratet und arbeitete als Hausangestellte. Nach einem
Schwangerschaftsabbruch 1936 wurde sie gemütskrank und arbeitsunfähig. Sie zog zu ihrer Schwester nach Finkenwerder. Kurz darauf wurde sie von dort abgeholt und in eine Anstalt in Neustadt/Holstein eingeliefert. Ihr Schwager und ihre Nichte besuchten sie dort im zweiten Halbjahr 1938. Sie schien in guter körperlicher Verfassung zu sein, war aber sehr erregt und wiederholte ständig: „Ik will hier rut. Willi und Hans schöt mi holn.“ Das waren ihre beiden Brüder. Sie blieb aber in der Anstalt. Zwei Jahre später erfuhr die Nichte von der Familie, dass Gretel in den Osten verschickt worden und dort an einer Krankheit gestorben sei. Der Schwager meinte unter vier Augen zur Nichte: „Die haben sie umgebracht.“

Jakob M. aus Finkenwerder wurde vom Hanseatischen Sondergericht wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Bibelforschern vernommen. Dort erklärte er, dass die schrecklichen Erlebnisses während des 1. Weltkrieges ihn zu einem Bibelforscher gemacht hätten und er gegen jeden Waffendienst sei und sich nie gegen einen äußeren Feind wehren würde, da ihn Gottes Gesetz befehle, nicht zu töten. Da Jakob M. auf das Gericht einen aufgeregten und fanatischen Eindruck machte, wurde das Verfahren gegen ihn vorläufig abgetrennt, um ihn auf seine strafrechtliche Verantwortung untersuchen zu lassen. Durch Einsicht in seine Krankenakte, wurdd festgestellt, dass er von Januar bis Juli 1934 in der Krankenanstalt Friedrichsberg im Anschluss an eine Kopfgrippe auf seinen Geisteszustand hin beobachtet und dort wegen der Diagnose „Schizophrenie“ zwangssterilisiert wurde. Schizophrenie gehörte mit zu den häufigsten Diagnosen, um Zwangssterilisationen zu begründen. Jakob M. lebte bis zu seinem natürlichen Tod völlig unauffällig und normal. Zwangssterilisationen setzten „Anzeigen“ voraus, worunter die formularmäßige Meldung an den Kreisarzt bzw. das Gesundheitsamt gemeint war. Laut Gesetz waren alle Heil- und Pflegeberufe verpflichtet, erbkranke Personen zu erfassen. Eine besondere Rolle spielten dabei die Fürsorgerinnen, die auch „gefährdete“ Personen meldeten. Dazu gehörten nach der nationalsozialistischen Terminologie insbesondere Frauen und Mädchen, die nicht den Normen der damaligen Zeit entsprachen, die als „arbeitsscheu“ eingestuft wurden, die Schule schwänzten oder aus einem „unwürdigen“Elternhaus kamen. Die so erfassten Personen wurden als „asozial“ abgestempelt, häufig entmündigt und in Arbeitshäuser oder -lager eingewiesen. Die leitende Mitarbeiterin der Hamburger Sozialbehörde, Käthe Petersen, war Sammelvormund für „gefährdete“ Frauen. Ihr wurden pro Jahr ca. 150 neue Menschen als Mündel anvertraut. Gegen ein Gros dieser Frauen liefenVerfahren zur Durchführung der Sterilisation. In Hamburg wurde der zu sterilisierende Personenkreis durch ein Konstrukt des „angeborenen moralischen Schwachsinns“ erheblich ausgeweitet. Verstöße gegen geltende Normen der Volksgemeinschaft wurden so als „moralischer Schwachsinn“ ausgelegt und führten zur Ausgrenzung und Verfolgung.

Zu den vielen Mündeln von Käthe Petersen gehörte auch Anna D. Ihre Mutter wurde als „erziehungsunfähig“ bezeichnet. Ihr wurde das Sorgerecht entzogen, da ihr ältester Sohn Mitglied der kommunistischen Partei war. Anna D. kam mit 12 Jahren in ein Waisenhaus, wurde mit 15 sterilisiert und mit 18 in das geschlossene Arbeitshaus Farmsen eingeliefert. Nach schweren Bombenangriffen wurde sie im Juni 1943 von Farmsen aus in das Arbeitslager Tiefstack gebracht, wo sie schwere Arbeit im Straßenbau zu verrichten hatte. Im Juli 1943 wurde sie dann mit Zustimmung von Käthe Petersen zwangsweise in die Bordellbaracke des KZ Buchenwald verlegt. Dort wurde sie von SS-Leuten geprügelt und schwer misshandelt.
Kurz vor der Befreiung 1945 aus dem KZ durch die Alliierten wurde Anna in einer grünen Minna wieder nach Farmsen zurückgebracht. Dort schrieb sie unter dem Titel „Mensch in fremder Hand“ ihre Erlebnisse auf. Bei einer Kontrolle wurden ihr jedoch die für sie so kostbaren Aufzeichnungen weggenommen. Erst 1957, nach 18 langen und schweren Jahren, wurde sie durch Gerichtsbeschluss endlich „bemündigt“ und es wurde angeordnet, ihr ihre Aufzeichnungen auszuhändigen. Die waren aber verschwunden. In der ganzen Zeit hatte sie schwer gearbeitet, aber ihr »Arbeitgeber“, die Hamburger Wohlfahrtsbehörde, hatte darüber keine Aufzeichnungen gemacht und keine Sozialversicherung für sie gezahlt. Für die zahllosen Misshandlungen und die zerstörte Gesundheit erhielt Anna D. nie einen Ausgleich. Im April 1998 starb sie.

Die Hamburger Behörden wollten sie in einem anonymen Massengrab beisetzen. Freunde von ihr erreichten durch massiven Druck, dass die Urne mit der Asche von Anna D. am 04.09.1998 auf dem Friedhof Finkenwerder im Familiengrab der Freunde beigesetzt wurde. So bleib ihr wenigstens das Massengrab erspart. Anna D. war ein Opfer der NS-Diktatur, aber eigentlich war sie lebenslang auch eine Opfer der Hamburger Sozialbehörde.

Dr. Käthe Petersen war 1966 als inzwischen „leitende Regierungsdirektorin des Landessozialamtes Hamburg“ in den Ruhestand verabschiedet worden – hoch geehrt und ausgezeichnet unter anderem mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, Go H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Nach 12 Jahren Nazi-Terror – Besiegt, Besetzt, Befreit

Gedenkveranstaltung 05. Mai 1945 – 05. Mai 2005

Fahrrad-Tour

Mahnmal Ecke Rüschweg/Neßpriel.
Okt. 1944 wurde das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme belegt. Vorher hatten in dem Lager zwangsdeportierte Familien aus Osteuropa gelebt.
Fundamente des U-Boot-Bunkers Fink II
und die neue Airbus-Start- und Landebahn. Der Bunker war auch Schutzbunker für die Zivilbevölkerung, Werftarbeiter , Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Auf der Flugzeugwerft von Blohm &Voss arbeiteten wie auf der DW Zwangsarbeiter.
Norderdeich 20,
Geschäft der jüdischen Kaufleute Rimberg und Auerbach, die durch Auswanderung und Flucht den Holocaust überlebten. Im Hof dahinter arbeitete der „Utlänner“ Kasimir. Er kam freiwillig, erlebte während der Nazizeit zunehmende Diskriminierung und Rassismus.
Uhlenhoff.
Errichtung von Plattensiedlungen durch KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsinternierte wie die italienischen Badoglio-Soldaten. Misshandlung eines Häftlings. Öffentlicher Wohnungsbau für Volksgenossen entlang der Ostfrieslandstraße und auf Fläche B mit Kunst am Bau.
Ostfrieslandstraße 16: Jüdische Nachbarn verschwinden spurlos.
Gründeich am Köhlfleet,
Höhe Esso-Tankstelle. Exekution eines Häftlings. Brutale Behandlung eines Häftlings durch Kapos. Arisierung der Altenwerder Werft Berendsohn. Russisches Kriegsgefangenenlager Rugenberger Straße, die von dort in Fünferreihen zur Arbeit nach Finkenwerder kamen.
Flutschutzpromenade Höhe Pahlwerft.

Einsturz des Wasserturm-Rundbunkers am 09.04.1945 mit vielen Toten. Drohungen gegenüber und Verhaftung von Bibelforschern.
Gorch-Fock-Halle.
Eduard Bargheers Wandmalereien galten den Nazis als entartet und wurden daher „beseitigt“. Kulisse für die 700-Jahr-Feier 1936. Kaufmannsladen im Mewes-Weg mit „Sinnsprüchen“ während und nach der Nazizeit.
Steendiekkanal Sielhaus.
Kesselschmiede-Anbau. Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge arbeiteten auf der Werft. Am Güterbahnhof kamen die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge an. Hier war auch ein Lager für
Gasflaschen für Sperrballons.
Vorland Schwimmbad.
Lager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.
Dampferbrücke.
Misshandlungen von Häftlingen. Bombardierung des Petroleumhafens am 20.06.1944.
Ortsamt Finkenwerder.
Emanuel Pazourek hatte in Neuenfelde Lebensmittelkarten und andere Bezugskarten gestohlen und im Wirtschaftsamt in Finkenwerder einen Stempel. Er wurde vom Hanseatischen Sondergericht zum Tode verurteilt und die Vollstreckung des Urteils am 29. März 1944 vom Reichsminister der Justiz angeordnet. Der Reichsjustizminister Thierack schrieb am 13.10.1942 an den Reichsleiter Bormann:
Betrifft: Strafrechtspflege gegen Polen, Russen, Juden und Zigeuner.
Sehr verehrter Herr Reichsleiter!
Unter dem Gedanken der Befreiung des deutschen Volkskörpers von Polen, Russen, Juden und Zigeunern und unter dem Gedanken der Freimachung der zum Reich gekommenen Ostgebiete als Siedlungsland für das deutsche Volkstum beabsichtige ich, die Strafverfolgung gegen Polen, Juden, Russen und Zigeuner dem Reichsführer SS zu überlassen. Ich gehe hierbei davon aus, dass die Justiz nur in kleinem Umfange dazu beitragen kann, Angehörige dieses Volkstums auszurotten. Zweifellos fällt die Justiz jetzt sehr harte Urteile gegen solche Personen, aber das reicht nicht aus, um wesentlich zur Durchführung des oben angeführten Gedankens beizutragen. Es hat auch keinen Sinn, solche Personen Jahre hindurch in deutschen Gefängnissen und Zuchthäusern zu konservieren, selbst dann nicht, wenn, wie es heute
geschieht, ihre Arbeitskraft für Kriegszwecke ausgenutzt wird. Dagegen glaube ich, dass durch die Auslieferung solcher Personen an die Polizei, die sodann frei von gesetzlichen Straftatbeständen ihre Maßnahmen treffen kann, wesentlich bessere Ergebnisse erzielt werden…
(
Auszug aus dem Schreiben über die Auslieferung von Justizgefangenen an die
Konzentrationslager. (Nürnberger Dokument NG-558, Institut für Zeitgeschichte München, zitiert aus: Hermann Kaienburg „Das Konzentrationslager Neuengamme 1938 – 1945″.)
Kriegsende in Finkenwerder
Nach 12 Jahren Nazi-Terror und mörderischen Krieg endeten Anfang Mai die Kampfhandlungen in Hamburg. Die englischen Truppen quartierten sich in den Kasernen ein. In Finkenwerder in den U-Boot-Stützpunkt der Kriegsmarine. Die Marine-Soldaten hatten den Stützpunkt am 29.04.45 verlassen, um in Schwarzenbek den Vormarsch zu verhindern. Dort gerieten sie in britische Gefangenschaft. Die Zeit bis zur Übergabe des Stützpunktes an die Engländer nutzten die Finkenwerder Bürger, um die Vorräte und die zurückgelassene Habe der Mariner zu plündern.
Das KZ-Außenlager war da bereits geräumt. Die Überlebenden dänischen Insassen waren durch die Initiative des schwedischen Roten Kreuzes schon vorher nach Skandinavien überführt worden. Andere wurden nach Sandborstel gebracht, wieder andere landeten mit den Bewachern auf Schiffen in der Neustädter Bucht und starben bei der Bombardierung der Schiffe durch die Briten.
Die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen wurden teilweise ebenfalls in den letzten
Kriegstagen noch verlegt, beispielsweise um am „Friesenwall“ zu arbeiten. Aber die meisten blieben vor Ort und die Furcht vor deren Rache war weit verbreitet. Auf die Osteuropäer wartete nach der Rückführung in ihre Heimat oft Misstrauen, Diskriminierung und neues Leid.

60 Jahre nach Kriegsende ist die Vergangenheit nicht vergangen. Im Gegenteil. Das Interesse und die Beschäftigung mit der verbrecherischen Nazi-Herrschaft wird zunehmend intensiver. In einer Zeit, wo Überlebende nicht mehr aus eigener Erfahrung unmittelbar Zeugnis ablegen können, wird das Erinnern mit Hilfe von schriftlichen und mündlichen Berichten immer wertvoller. Denn solche menschenverachtenden Systeme dürfen in unserer Gesellschaft nie wieder mehrheitsfähig werden. Um das zu verhindern, ist jeder Bürger aufgefordert, solchen Tendenzen entgegenzuwirken und so Verantwortung für eine demokratische Zukunft zu übernehmen. In Finkenwerder ist dieser Teil der Ortsgeschichte jahrzehntelang verdrängt, verharmlost, vergessen und bewusst unterdrückt worden.

Der Arbeitskreis sammelt deshalb Zeitzeugenberichte und informiert in öffentlichen
Veranstaltungen über die Ergebnisse seiner Recherchen. Außerdem führt er Klassen der Gesamtschule und des Gymnasiums durch den Ort und veranschaulicht die Nazi-Herrschaft in Finkenwerder. V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuen-gamme, cio H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Ausgrenzen Verfolgen Vernichten

10. November 2004 Gedenkveranstaltung

Bereits vor den Pogromen des 9./11. November 1938 verabschiedeten die Nationalsozialisten Gesetze und inszenierte Aufstände, die bewusst auf das hinstrebte, was kurze Zeit später „Endlösung der Judenfrage“ genannt wurde.
Der Brand des Reichstags am 27.07.33 wurde dazu benutzt, die wichtigsten Grundrechte in der Weimarer Verfassung aufzuheben. Ab dem 01. April wurden jüdische Geschäfte boykottiert. Am 7. April 1933 tritt „Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums„ in Kraft, das einen Arierparagraphen enthielt. Mit der Bücherverbrennung vom 10 Mai 1935 wurden die Werke demokratischer Autoren dem Feuer übereignet. Seit dem 17. August 1935 gab es die Vornamensverordnung für Juden, die Zusätze wie „Israel“ und „Sara“ vorschreiben. Am 15. September 1935 wurden die Nürnberger Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes und der Ehre erlassen.
Der Terror gegen die Juden, die Zerstörung ihrer Synagogen in der Pogrom-Nacht am 9. Nov. 1938 sollte die Juden isolieren, demütigen, einschüchtern und zur Auswanderung zwingen – unter Zurücklassung ihres Besitzes. Darüber hinaus diente das brutale Handeln an den Juden der Einschüchterung der gesamten Bevölkerung. Das Ausbleiben eines ernsthaften Protestes zeigte, wie mächtig die Diktatur zu diesem Zeitpunkt bereits war.
Was im November 1938 geschah , das geschah öffentlich, vor aller Augen. Niemand konnte sagen, er/sie habe nichts gewusst. Die Nazi-Schergen konnten mit Zustimmung, mit gleichgültigem Wegsehen oder verängstigtem Stillschweigen bei der Mehrheit unseres Volkes rechnen.

1938 An einem Wintermorgen bin ich sehr früh erwacht. Es fuhren Männer im Braunhemd ins Dorf. Die haben den Nachbarn fortgebracht.
Sie nannten ihn Judenschwein und jagten ihn aus dem Haus. Ich stand mit Vater am Fenster. Wir starrten hinaus.
Der Nachbar lief über die Straße ohne Rock und ohne Schuh. Ich schrei den Vater an: Sieh hin, sie schlagen ihn. Vater zog die Gardine zu. W.Lindemann

Zwischen der Machtübernahme 1933 und dem Angriff auf Polen am 1.September hatte die NSDAP die Opposition und Andersdenkende ausgeschaltet., Widerständler saßen im KZ, Homosexuelle, Jehovas Zeugen, Behinderte und Juden wurden entrechtet, verfolgt ‚eingesperrt und ermordet.

Zum Beispiel die Familie Landau. Cecilie Landau aus Hamburg war 16 Jahre; als die Nazis ihren Vater in Dachau ermordeten. Noch im gleichen Jahr wurde sie, ihre Mutter und ihre Schwester nach Lodz deportiert. Dort ist ihre Mutter verhungert und ihre Schwester ermordet. Cecilie wurde nach Ausschwitz transportiert, von dort aus nach Neuengamme, also wieder nach Hamburg zurück, um Sklavenarbeit zu leisten. In Bergen-Belsen wurde sie schließlich von den Briten befreit und unterstützte deren Suche nach untergetauchten Nazis. Von diesen wiurde sie wieder bedroht und verließ daher Ende 1945 Deutschland. Heute lebt sie als Lucille Eichengreen in Kalifornien.
 

KZ NEUENGAMME
Das Hamburger KZ Neuengamme wurde 1938 eingerichtet und gehörte zu den zentralen Lagern im norddeutschen Raum. Hier wurde „Vernichtung durch Arbeit“ betrieben. Der Tod der Häftlingen unter vorheriger Ausnutzung ihrer Arbeitskraft war beabsichtigt. Außer der Arbeit im Ziegelwerk auf dem Gelände selbst gab es so genannte Außenkommandos, die in der ganzen Stadt eingesetzt wurden, z.B. in der Hafenwirtschaft, beim Straßenbau, später bei der Trümmerbeseitigung und beim Bombenräumen. Auch Finkenwerder war Einsatzgebiet für diese Kommandos und die KZ-Häftlinge deshalb im Ortsbild präsent, lange vor der Errichtung des Außenlagers Deutsche Werft im Oktober 1944.

Rudolf W. Behm, Jahrgang 1930, hat als Heranwachsender diese Zeit miterlebt und z.B. den Zug der KZ-Häftlinge beobachtet, wenn sie auf dem Weg zur Werft am Norderdeich entlang getrieben wurden. Er erinnert sich an die brutale Behandlung der KZ-Häftlinge auf dem Finkenwerder Dampfer und hat in der Ostfrieslandstraße gesehen, wie KZ-Häftlinge einen Blindgänger beseitigten. In seinem Elternhaus verkehrte der niederländische Fremdarbeiter Willem Blomp, der mit seinem Vater in der Malergruppe auf der Werft arbeitete. Seine Mutter besorgte Willem die Wäsche und er half bei der Gartenarbeit und verbrachte seine Freizeit mit Behms Familie. Der Kontakt zwischen seinem Vater und Willem bestand auch noch nach dem Krieg. Ein weiterer Fremdarbeiter war auf einer Lehrstelle in der „von Cölln Werft“ beschäftigt, ein Belgier namens Louis. Mit ihm hatte er ein kleines Scharmützel, weil der ihn „Hitlerjunge“ nannte. An andere Ausländer, wie russische Kriegsgefangene, kann sich Rudolf Behm ebenfalls erinnern, weil ihre Baracke Nordmeerstraße/Nessdeich das Ziel von Jugendstreichen war. Die russischen Kriegsgefangenen wurden für die Bedienung der Nebeltonnen bei den Luftangriffen eingesetzt.
 

Die KZ-Häftlinge im Außenlager Deutsche Werft

Mit dem Rückzug im Osten stockten die Transporte von Zwangsarbeitern aus diesen Gebieten. Nun sollten Außenlager in der Rüstung und auf Werften den Arbeitskräftemangel ausgleichen. Hierher kamen auch die Häftlinge aus den großen Vernichtungslagern im Osten, die auf der Flucht vor den Russen geräumt wurden. Das Außenlager Deutsche Werft bestand seit Oktober 1944. Sehr junge und sehr kräftige Menschen haben die Monate in diesem Außenlager wie durch ein Wunder lebend überstanden, auch wenn diese Erfahrung ihr ganzes weiteres Leben überschattete. Trotzdem finden sie die Kraft uns zu besuchen und ihre Leidensgeschichte zu erzählen. Herr Ernst Nielsen aus Dänemark war mit weiteren ehemaligen Neuengamme-Häftlingen erst im September 2004 während einer Pilgrimsreise am Mahnmal, um seiner Kameraden zu gedenken, die das KZ nicht überlebten.
Ernst Nielsen wurde als 20jähriger von der Gestapo als Mitglied einer Widerstandsgruppe verhaftet und Mitte Januar 1945 ins KZ Neuengamme verfrachtet. Wenig später wurde er ins Außenlager Deutsche Werft transportiert. 3 Monate später erwirkten die Skandinavier die Freilassung ihrer Häftlinge. Für den jungen Ernst Nielsen bedeutete das die Rettung aus akuter Lebensgefahr. Während der 3 1/2 Monate seiner KZ-Haft verlor Ernst Nielsen 40kg Gewicht.

Iwan Iwanowitch Chitajlow geriet bereits 1943 als 16jähriger in die Fänge des NS-Systems und kam nach einer Odyssee durch verschiedene Lager Anfang 1945 ins KZ-Außenlager Deutsche Werft. Nach der Auflösung im April kam er er in das berüchtigte Lager Sandborstel bei Bremervörde. Die Verhältnisse in diesem Lager waren unbeschreiblich. Am 29. April befreiten schottische Truppen das Lager. Der völlig entkräftete 18jährige Iwan Iwanowitsch überlebte das Inferno.
 

Erinnern aus Verantwortung für die Vergangenheit und für die Zukunft

Der Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme ehrt seit 1998 in einer Gedenkveranstaltung anläßlich des Jahrestages der Judenpogrome am 9.11.1938 die Opfer der Nazi-Diktatur mit einer Kranzniederlegung. Daran beteiligen sich mit einer Spende für den Kranz die Evangelische Kirchengemeinde St. Nikolai, die Karmel-Zelle Finkenwerder sowie die Finkenwerder SPD, CDU, GAL und die Linken.

Die diesjährige Veranstaltung zum Gedenken findet am 10. November 2004 statt. Sie beginnt mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal Ecke Rüschweg/Neßpriel um 18.00 Uhr
Um 19.00 Uhr folgt im Ortsamt Finkenwerder, Butendeichsweg 2, gr. Sitzungssaal, 2.Stock: Erinnerung eines Zeitzeugen über seine Jugendzeit in Finkenwerder während des Dritten Reiches Berichte der Überlebenden aus Briefen und Dokumenten. V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Spuren der Vergangenheit – Bomben auf die Deutsche Werft

08. Mai 2004, 15:00 Uhr Fahrradtour, 17:00 Uhr U-Boot-Bunker Fink II
 

Mahnmal Ecke Rüschweg / Neßpriel.
Ende 1944 wurde das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme belegt. Vorher hatten in dem Lager zwangsdeportierte Familien aus Osteuropa gelebt.

Fundamente des U-Boot-Bunkers Fink II.
Wieder freigelegt durch die neue Airbus-Start- und Landebahn. Der Bunker war auch Schutzbunker für die Zivilbevölkerung, Werftarbeiter , Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

Kesselschmiede der Deutschen Werft
Anbau vermutlich von Zwangsarbeitern errichtet. Bahngelände, Güterbahnhof, Gasflaschen für die Sperrballons.

Finksweg/Blick auf ehem. Werftgelände.
z. B. Sauerstoffanlage und Verwaltungsgebäude. Lager befanden sich auf dem Werftgelände und außerhalb auf dem Vorland I.

Uferpromenade Stackmeisterei.
Blick auf Lotsenhöft, Ölhafen und Dampferbrücke. Hinweis auf „Führerstadt“.

Fischereihafen am Stack.
Erinnerungsstein, Einsatz der Fischer im Krieg als Minensucher und für Flüchtlingstransporte. Deich in Höhe Esso-Tankstelle.
Altenwerder Werft Berendson. Exekution, Misshandlung durch Kapos. Kunst am Bau.

Emderstraße/Uhlenhofweg,
Plattensiedlung Badolio-Häftlinge, Misshandlung KZ-Häftling, Familie Grünwald.

Elternschule, Norderschulweg 7,
U-Boot-Bunker FINK II
Geschichte und Erinnerungen von Zeitzeugen.
 

ERLEBNISBERICHTE

Ein 12järiger Finkenwerder Junge erlebte die Luftangriffe 1944/45 auf der Deutschen Werft und beobachtete auch, wie dabei mit den KZ-Häftlingen umgegangen wurde:

Beim Angriff auf den U-Boot-Bunker am 09.April 1945 war er zufälligerweise nicht auf dem Gelände, hörte aber, dass es etliche Tote und Verletzte gegeben hatte. Ende 1944 hatte er bei einem Luftalarm den Flakbunker K gerade noch rechtzeitig aufgesucht. Als er ihn nach dem Angriff endlich wieder verlassen konnte, sah er, dass im Eisengerippe der zerstörten Schiffbauhalle die Leichen der von den Bomben überraschten KZ-Häftlingen hingen. Diesen entsetzlichen Anblick hat er bis heute nicht vergessen.

Ein ehemaliger KZ-Häftling, damals 20jährig,erlebte die Luftangriffe auf der Werft von Januar bis
März 1945:

Da es in der Zwischenzeit innerhalb von 24 Stunden bis zu 3 große Luftangriffe gab,wurde dies neben dem Hunger, der Kälte und der Müdigkeit nach 12 Stunden Arbeit zu einer großen Belastung. Alle Gefangenen, die sich bei einem Luftangriff im Lager aufhielten, wurden mit Schlägen, Tritten, Schreien und Hundegebell im Laufschritt in den U-Boot-Bunker getrieben. Dort standen sie in der dünnen Häftlingskleidung „zu Fünfe“ in Reih und Glied vor Kälte zitternd auf dem Rand der Bassinkante über den großen U-Booten.

Ein junger Zwangsarbeiter, der mit seinem Bruder aus der Ukraine nach Finkenwerder deportiert war und als Schweißer auf der Werft eingesetzt wurde, hat den schweren Bomben-angriff am 09. April 195 erlebt:

Beim Alarm lief er mit seinem Bruder in den U-Boot-Bunker, der seinem Lager gegenüber lag. Bereits bei Hineinlaufen begann der Angriff. Einige Bomben trafen den Bunker direkt und durchbrachen an drei Stellen die Bunkerdecke. Man hörte Menschen weinen, schreien und stöhnen. In dem Durcheinander verlor er seinen Bruder aus den Augen. Erst im Lager hat er ihn wiedergesehen. Die beiden waren überglücklich, den Angriff überlebt zu haben.

Ein junger Marinesoldat ging fast täglich von seiner Dienststelle zum U-Bootbunker: Sein Weg führte ihn von der Neß-Halbinsel entlang des Rüschkanals, durch das Tor zur Deutschen Werft bis zum U-Boot-Bunker. Er bestreitet nicht, dass ein Außenlager der Deutschen Werft des KZ-Neuengamme auf Finkenwerder existiert hat. Aber am Standort links vom Werfttor hat er nur Baracken, sonst nichts gesehen.

Ein 13jähriges Mädchen aus Finkenwerder spielte am 09. April am Neßdeich, als Alarm gegeben wurde: Sie rannte sofort zum U-Boot-Bunker und wartete drinnen auf den Vater. Er brachte sie zur mittleren Kammer, in die Nähe seines Arbeitsplatzes. Plötzlich wurde der Bunker von schweren Erschütterungen bewegt.. Wolken von Staub, Mörtel und Schotter fielen auf die Menschen. Während sie sich an dem Blaumann des Vaters festhielt, zog er eine schwer verletzte Frau aus den Trümmern und band ihr mit seinem Gürtel den Beinstumpf ab.
 

DER U-BOOT-BUNKER FINK II

Bei den Arbeiten für die Landebahnverlängerung wurde die Bunkerruine wieder sichtbar. Gebaut wurde der Bunker FINK II zwischen 1940 und 1942. Die Firmen Wayss & Freytag sowie Beton & Monierbau AG bildeten hierfür eine Arbeitsgemeinschaft. Es ist anzunehmen, dass beim Bau Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. In den zunächst 4, später 5 Boxen konnten jeweils zwei U-Boote hintereinander liegend ausgebaut und repariert werden. Im März und April 1945 wurde der Bunker bombardiert. Beim Angriff am 09. April waren 58 Tote und über 120 Verletzte zu beklagen, überwiegend Zivilisten, denn FINK II wurde auch als Luftschutzbunker von der Zivilbevölkerung benutzt.

Nach Kriegsende wurde der Bunker gesprengt, aber die Seiten- und Trennwände blieben stehen. Anfang der 60er Jahre wurden Teile abgetragen und die Kammern verfüllt. Nach Verfüllung des Neßkanals wurde die Fläche 1996 im Zuge der Rüschparkgestaltung erhöht und als Aussichtsplattform hergerichtet. 2006 ist der fast vergessene Bunker bei den Bauarbeiten für Airbus wieder zum Vorschein gekommen.

Er erinnert an einen Teil unserer Ortsgeschichte, die akzeptiert werden sollte. Die Realsierungsge-sellschaft ReGE plant einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Relikt aus der Nazizeit in einem stark veränderten Umfeld.

V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, c/ci H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg

Zwangsarbeit in Finkenwerder

Gedenkveranstaltung und Geschichtlicher Vortrag, 09. November 2003, 15:00 Uhr
 

DER 9. NOVEMBER 1938

Am 30. Januar 1933 ergriffen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. Innerhalb weniger Wochen vermochten sie es, mit legalen Mitteln das parlamentarische Leben auszuhebeln, wichtige Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft zu setzen und durch Terror und Angst die Opposition einzuschüchtern. Diskriminierung und Rassismus spürten vor allem die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bereits April 1933 durch Geschäftsboykotte und den Arierparagrafen im „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“.
Am 9. November d.J. jährt sich zum 65. Mal der Tag, an dem die Synagogen auf Befehl der
Nationalsozialisten brannten, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert, jüdische Mitbürger misshandelt, verschleppt, erschlagen wurden. Mit diesem Akt der Demütigung sollten die Juden in Deutschland isoliert, eingeschüchtert und zur Auswanderung gezwungen werden – unter Zurücklassung ihres Besitzes.
Darüber hinaus diente das brutale Handeln an den Juden auch der gesamten deutschen
Bevölkerung zur Einschüchterung. Das Ausbleiben eines ernsthaften Protestes zeigte, wie mächtig die Diktatur zu diesem Zeitpunkt bereits war.
Die brennenden Synagogen waren ein weiterer Schritt auf dem Unheilsweg, der schließlich zu millionenfachen Morden in Auschwitz und anderswo führten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs brannten auch deutsche Städte.
 

KZ-NEUENGAMME
ZWANGSARBEIT IN HAMBURG

Vor 65. Jahren, 1938, beschloss die SS-Führung des Reiches ein Konzentrationslager auf Hamburger Gebiet zu errichten. Das KZ- Neuengamme gehörte zu den zentralen Lagern im norddeutschen Raum. Hier wurde „Vernichtung durch Arbeit“ betrieben.
Der Tod der Häftlinge unter vorheriger Ausnutzung ihrer Arbeitskraft war beabsichtigt. Daneben existierten in Hamburg mindestens 16 Außenlager des KZ-Neuengamme. Im Hamburger Hafen hatte wohl jede Großwerft ein eigenes Konzentrationslager.
Das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme wurde im Oktober 1944 eingerichtet. Auf dem Werftgelände selbst existierten bewachte Unterkünfte für Menschen aus Ost-Europa und für französische Kriegsgefangene. Weitere Baracken mit Arbeitern aus West-Europa befanden sich in der Umgebung der Werft.
Neben den Arbeiten auf der Werft mussten die Häftlinge und Zwangsarbeiter nach den
Bombenangriffen aufräumen und Trümmer beseitigen.
Zu den Elementen der Zwangsarbeit gehörten neben der zwölfstündigen Arbeit die permanente Lebensbedrohung durch Misshandeln, Hunger, Kälte und fehlende Hygiene.
 

ZWANGSARBEIT in HAMBURGER BETRIEBEN

Im Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „ Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ vom 11. August 2000 regelt der Deutsche Bundestag endlich Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die während des Nationalsozialismus gezwungen wurden, für das Dritte Reich zu arbeiten.
In der Hansestadt waren es in der Zeit von 1939 bis 1945 mehrere hunderttausend Menschen. Sie mussten als zivile Arbeitskräfte, als KZ-Häftlinge und als Kriegsgefangene in
Rüstungsunternehmen, in Betrieben der hamburgischen Gemeindeverwaltung, auf Baustellen und in der Landwirtschaft arbeiten.
Sie wurden aus allen Teilen der besetzten Gebiete heran gekarrt. Auf der Deutschen Werft
schufteten zum Beispiel Menschen aus Skandinavien, aus den Benelux-Ländern, aus Süd- und
Ost-Europa. Am Ende wurde die Wirtschaft in großen Teilen nur noch durch diese Sklavenarbeit aufrechterhalten. Das Schicksal der Zwangsarbeiter ist erst durch die Entschädigung für das begangene Unrecht an diesen Menschen Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Mit einigen Personen, die für die Deutsche Werft arbeiten mussten, hatte der AK persönlich oder brieflich Kontakt.
 

Zwei Beispiele:

Iwan Ssorokotjaga aus der Ukraine wurde im August 1943 mit seinem Bruder als Zwangsarbeiter über Ungarn bis nach Deutschland verschleppt und kam Mitte 1944 nach Finkenwerder. Hier wurde er in ein Lager für jugendliche Zwangsarbeiter (bis 18 Jahre) auf dem Werftgelände untergebracht und musste zunächst als Hilfsarbeiter, nach einer Umschulung dann als Schweißer auf der Deutschen Werft schuften. Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt und wurde von Deutschen bewacht. Den Bombenangriff am 09. April 1945 überlebten die Brüder nur knapp. Schließlich erlebten sie die Befreiung in einem Dorf bei Heide. Nach ihrer Übergabe an die Sowjets mussten sie zunächst noch ihren Wehrdienst dort ableisten, bevor sie nach 5 Jahren endlich wieder in ihr
Heimatdorf zurück kamen.
Willem Kwast wurde als Neunzehnjähriger im Frühjahr 1943 in den Niederlanden dienstverpflichtet und nach Hamburg deportiert. Nach einer Umschulung in Altona kam er nach Finkenwerder. Seine Unterkunft hier war eine Baracke auf dem Sportsplatz am Finksweg. Das Lager für die Niederländer war umzäunt aber unbewacht. Auf der Deutschen Werft arbeitete Herr Kwast in der Sauerstoffanlage. Im April 1945 wurde er nach Dänemark transportiert, um den „Friesenwall“ auszuheben. Dort wurde er von britischen Verbänden befreit.

Die Leiden der Kriegsgefangenen, der Zwangsarbeiter und der KZ-Häftlinge haben viele Finkenwerder als Augenzeugen miterlebt und bis heute nicht vergessen.
Der Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme erhält immer wieder Hinweise auf die unmenschliche Behandlung dieser jammervollen Gestalten, die besonders die Kinder und Jugendlichen damals zutiefst erschütterten.

Die Veranstaltung anlässlich des 65. Jahrestages der Judenpogrome beginnt um 15.00 Uhr am Mahnmal Ecke Rüschweg/Rüschwinkel mit einer Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer der Nazigewalt.
Anschließend folgt ab 16.00 Uhr im Gemeindesaal der Kirchengemeinde St. Nikolai, Landscheideweg 154, ein geschichtlicher Vortrag über Zwangsarbeiter in Hamburger Betrieben: Referentin: Dr. Friederike Littmann, Institut für Zeitgeschichte. Berichte von zwei ehemaligen Zwangsarbeitern, die auf Finkenwerder schuften mussten, ergänzen das Referat.

Die Veranstaltung wird aus Stadtteilkulturmitteln des Bezirksamtes Hamburg-Mitte gefördert.
V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg