Finkenwerder Geschichtswerkstatt e.V.

23.09.2022

Wir sind kein Heimatmuseum, sondern ein kritischer Lernort: Unsere zentrale Arbeit ist das Erforschen und Bewahren der Arbeits- und Alltagsgeschichten des Ortes und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Helft uns gerne mit euren Erinnerungen „von früher“. Eure Geschichte(n) sind ebenso wertvoll wie alte Fotos, Bücher oder digitale Zeitdokumente, die wir gerne für Ausstellungen zusammenstellen.

Geschichte muss erzählt werden: Geschichte ist immer ein Weg zurück. Daher erkundeten wir zunächst die Ortsgeschichte während der Nazi-Diktatur. Der Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme legte den Grundstein für unsere Arbeit. Erster Anlass war 1996 die Einweihung des Mahnmals für die Opfer des Naziterrors auf dem ehemaligen Gelände des Außenlagers Deutsche Werft des KZ Neuengamme. Die medienwirksame Veranstaltung rückte eine Epoche der Finkenwerder Ortsgeschichte in das öffentliche Bewusstsein, die lange Zeit verdrängt, verharmlost oder unterdrückt wurde. Die Anwesenheit eines ehemaligen dänischen KZ-Häftlings ermöglichte uns die erste Kontaktaufnahme zu einem Zeitzeugen. Von ihm erhielten wir wertvolle Informationen über seine Zeit im Außenlager.

Die dänische Amicale besucht das Mahnmal
Die dänische Amicale (Dachverband der nationalen Verbände ehemaliger Häftlinge des KZ Neuengamme) besucht das Mahnmal, der ehemalige Häftling Ernst Nielsen berichtet über seine Haft.

Geschichte leugnen? Nicht mit uns: Wir entschlossen uns, es nicht bei dem singulären Ereignis zu belassen, sondern Nazi-Verbrechen  zu benennen, das damalige gesellschaftliche Umfeld zu reflektieren, widerständige Handlungen und Haltungen aufzuzeigen und Darstellungen in Orts-, Firmen- und Kirchenchroniken der Nachkriegszeit kritisch zu hinterfragen.

Gegen das Vergessen: Unsere aktive Erinnerungskultur sollte das Schweigen beenden, die Opfer würdigen und die nachfolgende Generation über die Verbrechen und Hintergründe informieren. Mit dieser ortsgebundenen Aufklärungsarbeit wurde gleichzeitig vermittelt, dass Willkür und Terror nicht nur irgendwo weit weg stattfanden, sondern überall systemimmanenter Alltag einer menschenverachtenden Ideologie war.

Zeitzeugen berichten über die belastete Geschichte Finkenwerders: Durch Aufrufe in der örtlichen Presse und durch Befragungen von auskunftsbereiten Ortsansässigen stellten wir Kontakte her. Es meldeten sich vor allem Menschen, die als Kinder und Jugendliche die Schreckensherrschaft miterlebt und häufig zum ersten Mal über ihre Erlebnisse berichtet hatten. Fast alle Zeitzeugen sind inzwischen verstorben, so dass diese wichtige Informationsquelle zukünftig leider entfällt. Über den Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Gedenkstätte selbst und eigene Nachforschungen bekamen wir  Kontakt zu Angehörigen.

Wir öffnen die Türen: Erste Ergebnisse wurden am 60. Jahrestag der Pogrome, mit einem Rundgang im Ort und einer Veranstaltung mit Zeitzeugen im Sitzungssaal des Ortsamtes präsentiert. Hilfreich war in diesem Zusammenhang, dass der damalige Ortsamtsleiter, Uwe Hansen, unserer Arbeit wohlwollend gegenüberstand. Denn das gesellschaftliche Umfeld für die Aufarbeitung dieser Zeit war in einem eher ländlich geprägten Vorort von Hamburg erstmal ungünstig. Eine Verquickung führender Personen mit dem Naziregime wurde teilweise als Herabwürdigung angesehen und im schlimmsten Fall als „Nestbeschmutzung“ verstanden. Außerdem sei es „doch schon viel zu lange her“. Die Veranstaltungen waren trotzdem gut besucht und eine Ermutigung für unseren Arbeitskreis.

Wir informieren: Seit  Anfang an verteilen wir Infomaterialien an die Besucherinnen und Besucher, die   sich über den Arbeitskreis informieren oder die Inhalte der Veranstaltungen kennenlernen möchten. Eine Praxis, die wir bis heute beibehalten haben. In diesem Jahr war unser Schwerpunktthema die Flut von 1962, wobei nicht nur Bilder bei unserer Ausstellung zu sehen waren, sondern auch Zeitzeugen aus Finkenwerder von den Naturgewalten und Zerstörungen in einem Film berichteten. Darüber hinaus zeigen wir in diesem Jahr ab dem 23.08. Illustrationen des Finkenwerder Malers Eduard Bargheer. Über Flüchtlinge, Aus- und Umsiedler im sogenannten Finkenwerder „Lager“ berichten wir ab 2023. Wir kündigen die Veranstaltungen regelmäßig in der Presse, durch Aushänge in Geschäften, durch themenbezogene Flyer, auf dieser Internetseite aber auch auf Facebook oder Twitter an.

Wir erinnern: Neben unseren öffentlichen Vorträgen und Ausstellungen findet in jedem Jahr am 8. Mai (Tag der Befreiung) und am 9. November (Reichspogromnacht) eine Kranzniederlegung am Mahnmal der Opfer statt.

Mahnmal von Axel Groehl
Mahnmal von Axel Groehl für die Opfer des Nationalsozialismus.

Wir forschen: Unsere Tätigkeit umfasst die Begleitung der Opfer bei der Spurensuche vor Ort.  Wir liefern Informationen für Diplomarbeiten, Referate und Firmenpublikationen (MAN) und versuchen für Fragen nach Erinnerungsorten oder Personen da zu sein. Außerdem zeigen wir eigene Videos, bzw. Leihvideos oder Ausschnitte aus Videokopien der KZ-Gedenkstätte mit Zeitzeugen, deren Schicksal wir bei den Veranstaltungen behandelten.

Zu bestimmten Themen luden wir Referenten ein, beispielsweise Frau Dr. Littmann über Zwangsarbeiter, Herrn Dr. Hering für die Kirche unterm Hakenkreuz, Herrn Dr. Goltz wegen der drei Kinau-Brüder und Frau Dr. Rothmaler zur Euthanasie und Zwangssterilisation.

Kontakt zu Schulen: Besonders wichtig ist uns der Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern. Wir bieten Veranstaltungen für Klassen an. Viele wissen kaum von der Vergangenheit als Rüstungszentrum und Leidensort für Tausende von Menschen aus ganz Europa, die hier der Willkürherrschaft eines verbrecherischen Regimes ausgeliefert waren. Weitere Anfragen von Schulklassen, z.B. zu unseren aktuellen Ausstellungen, sind ausdrücklich erwünscht.

Weitere Gedenkstätten:  Das Denkmal, die Fundamente des U-Boot-Bunkers FINK II, wurde anlässlich der Airbuserweiterung im August 2006 wieder freigelegt. Die Realisierungsgesellschaft der Hansestadt veranstaltete einen Ideenwettbewerb für die Gestaltung der Bunkerruine und das Umfeld. Die Jury, in der auch unser Arbeitskreis vertreten war, bewertete die Vorschläge. Im weiteren Verfahren haben wir beim Text der Stele und den Tafeln auf dem ehemaligen Werftgelände wichtige Hinweise gegeben. Leider können die Bunker nicht mehr betreten oder von innen besichtigt werden. Die Texte auf den Stelen sind inzwischen nicht mehr gut lesbar, wir bemühen uns aktuell um Verbesserungen.

Besuch der belgischen Amicale
Besuch der belgischen Amicale mit dem ehemaligen Häftling Alfred Cornut.

Alle unsere Themen umfassen die ganze Bandbreite von Ausgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung und Ausbeutung bis zur Vernichtung, denen die Menschen in der Nazizeit in Finkenwerder ausgesetzt waren.

Würdigung durch die Stiftung Auschwitz-Komitee
Wir freuen uns über die Würdigung durch die Stiftung Auschwitz-Komitee.

Würdigung der Arbeit: Von der Stiftung Auschwitz-Komitee erhielten wir 2010 den Hans-Frankenthal-Preis. Hans Frankenthal war ein ehemaliger Häftling in Auschwitz-Morowitz und langjähriges Mitglied im Komitee der Auschwitz-Überlebenden.

Die Laudatio schrieb der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Detlef Garbe. Diese Ehrung war mit einem Preisgeld von 1000 € verbunden. Noch wichtiger war allerdings die damit verbundene moralische Unterstützung. Das Material soll zukünftig weitestgehend digitalisiert werden, an diesem Projekt wird gerade gearbeitet.

Neuer Name seit 2015 : Unter dem inzwischen kürzeren Namen „Finkenwerder Geschichtswerkstatt“ arbeiten wir nun an ergänzenden Projekten. Zunächst geriet der Alte Friedhof Finkenwerder in unser Blickfeld mit seinen Prunkpforten und der Fritz Schumacher-Kapelle. Hier drohte der Abriss der verwahrlosten Kapelle und damit eines der wenigen Gebäude von Fritz Schumacher, die sich in Finkenwerder befinden. Zum Glück entschied sich die Bezirksversammlung Hamburg-Mitte schließlich für den Erhalt und die Sanierung der Kapelle.

Wir hatten uns inzwischen um die Trägerschaft beworben und erhielten für unser Konzept positive Signale aus der Politik. Bei unserer Veranstaltung 2011 und beim „Tag des offenen Denkmals“ unter dem Motto „Unbequeme Denkmäler“ 2013 führten wir die Besucher über den historisch und kulturell aufschlussreichen Ort und konnten auch die Innenräume zeigen.

Kapelle Alter Friedhof Finkenwerder
Kapelle Alter Friedhof Finkenwerder, 05/2011.

Wir nutzen die Kapelle in Kooperation mit interessierten Gruppen, bei z.B. Stadteilführungen, mit Volkshochschulen zur Erwachsenenbildung oder Schulen, weiterhin als Lernort.

Tag des offenen Denkmals und Deichpartie: Wir beteiligen uns durch Führungen an der U-Boot–Bunkerruine am „Tag des offenen Denkmals“ und bei der „Deichpartie“ in Finkenwerder. Es liegt uns am Herzen, dass die Besucherinnen und Besucher Finkenwerders Geschichte möglichst hautnah erleben und   die wenigen öffentlichen Zeugnisse des faschistischen Regimes in Finkenwerder nicht verloren gehen.

Die dänische Amicale besucht das Mahnmal
TRIALOG DER KULTUREN am U-Boot-Denkmal FINK II.

Bei dem „Tag der offenen Denkmals 2014“ stellten wir die Gorch-Fock-Halle von Fritz Schumacher vor, die an den Stirnseiten neben der ehemaligen Bühne mit Wandbildern von Eduard Bargheer ausgeschmückt ist. Diese Bilder wurden in der Nazizeit übermalt, konnten aber 1978 wieder sichtbar gemacht werden.

Bargheer-Bildern in der Gorch-Fock-Halle
Führung zu den Bargheer-Bildern in der Gorch-Fock-Halle.
Museumsschiffe im ehemaligen Kutterhafen
Museumsschiffe im Finkenwerder Kutterhafen.

Die Tage des offenen Denkmals organisieren wir gemeinsam mit dem Museumshafen Finkenwerder. Eines der historischen Schiffe wurde inzwischen als schwimmendes Denkmal anerkannt.

Innerhalb von  Schulprojektwochen wurde auch zu dem Thema Euthanasie-Opfer gearbeitet. Als Ergebnis wurde ein erster Stolperstein in Finkenwerder verlegt. Aus diesem Anlass bildete bei unserer November-Veranstaltung 2014 Euthanasie den Schwerpunkt.

Inzwischen erhält unsere Geschichtswerkstatt, wie bei den anderen Werkstätten üblich, seit 2018 eine institutionelle Förderung. Damit können wir unsere Angebote verstetigen und ausweiten.