09. November 2000 Gedenkveranstaltung
 

DIE GESCHICHTE DES 9. NOVEMBER 1938

Um die Pogrome am 09.11.38 zu verstehen, ist die Erinnerung an Maßnahmen hilfreich, die bereits vorher ein Klima von Terror und Angst verbreiteten:
Der Reichstagsbrand vom 27.02.33 wird dazu benutzt, die wichtigsten Grundrechte in der Weimarer Verfassung aufzuheben, – ab dem 1. April 1933 werden jüdische Geschäfte boykottiert, – am 7 April 1933 tritt „Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in Kraft, das einen Arierparagraphen enthält, – mit der Bücherverbrennung vom 10.05.35 werden die Werke demokratischer Autoren dem Feuer übereignet, – seit dem 17. August 1935 gibt es die Vornamensverordnung für Juden, die die Zusätze „Israel“ und „Sara“ vorschreiben, – am 15. September 1935 werden die Nürnberger Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes und der Ehre erlassen. Der Terror gegen die Juden und die Zerstörung ihrer Synagogen in der Pogromnacht am 9. Nov. 1938 soll die Juden isolieren, demütigen, einschüchtern und zur Auswanderung zwingen. Darüber hinaus dient das brutale Handeln an den Juden der Einschüchterung der gesamten deutschen Bevölkerung. Der Tag war Vorbote schrecklicher Angriffskriege und unbeschreiblicher Gräueltaten.
 

KZ-NEUENGAMME NS-ZWANGSARBEIT IN HAMBURG

Das KZ-Neuengamme in Hamburg gehörte zu den zentralen Lagern im norddeutschen Raum.
Hier wurde „Vernichtung durch Arbeit“ betrieben. Der Tod der Häftlinge unter vorheriger Ausnutzung ihrer Arbeitskraft war beabsichtigt. Daneben existierten in Hamburg mindestens 16 Außenlager des KZ-Neuengamme. Im Hamburger Hafen hatte wohl jede Großwerft ein eigenes Konzentrationslager: Blohm & Voss, Stülcken, die Howaldtswerke AG und Deutsche Werft.

Das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme wurde im Oktober 1944 eingerichtet. Schon vorher hatte die Werft Zwangsarbeiter zur Sklavenarbeit benutzt. Neben den Arbeiten auf der Werft selbst mussten die Häftlinge nach den Bombenangriffen aufräumen und Trümmer beseitigen.
Zu den Elementen der Zwangsarbeit gehörten neben der zwölfstündigen Arbeit die permanente Lebensbedrohung durch Misshandeln, Hunger, Kälte und fehlende Hygiene.
 

Die Deutsche Werft im 3. Reich

Der erfolgreiche Aufbauprozess der Werft nach der Weltwirtschaftskrise 1932 erzielte mit dem export-orientierten Handelsschiffbau 1938 einen Höhepunkt. Die DW erreichte die weltweit größte Jahresleistung einer Schiffswerft. Der Beginn des 2. Weltkrieges unterbrach diese Aktivitäten.
Die Arbeit diente spätestens seit 1941 ausschließlich der Kriegsführung. Zunächst wurden Handelsschiffe in Sperrbrecher, Hilfskreuzer, Sonderschiffe, U-Boot-Begleitschiffe und Flugzeugstützpunkte umgewandelt. Anschließend sollten Torpedoboote gebaut werden. Dafür hätten 6mm dünne Bleche bearbeitet werden müssen. Keine sinnvolle Aufgabe für eine Großwerft. Stattdessen wurden U-.Boote produziert. Außerdem Minensuchboote, U-Jäger. Torpedofangboote, Kriegstransportschiffe, Marine-Fährprahme, Hebewerke und Handelsfrachter schlichtester Bauausführung für den Transport von Rohstoffen aus den besetzten Gebieten. Trotz diverser Luftangriffe kam die Bautätigkeit erst nach den Bombenschäden Ende März/Anfang April 1945 zum Erliegen. Bis dahin hatte die Werft wie am Fließband allein 114 U-Boote hergestellt und das Bautempo von Jahr zu Jahr gesteigert, denn die Produktion lief mit den Kriegsverlusten um die Wette. Möglich wurde das nur durch die Zwangsarbeit von Häftlingen und Kriegsgefangenen unter Bedingungen, die mit dem Begriff „Vernichtung durch Arbeit“ zutreffend charakterisiert sind.
Der Einsatz dieser Menschen wird in der Chronik der Deutschen Werft aus dem Jahre 1968 (!) mit keinem Wort erwähnt.
 

Die Überlebenden

Lange Zeit wurde vermutet, dass niemand das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme überlebt hatte. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt Sehr junge und sehr kräftige Menschen haben die Monate im KZ-Außenlager wie durch ein Wunder lebend überstanden, auch wenn diese Erfahrung ihr ganzes weiteres Leben überschattete. Trotzdem finden sie die Kraft uns zu besuchen und ihre Leidensgeschichte zu erzählen, damit die nachfolgende Generation Lehren daraus zieht
Herr Ernst Nielsen wurde als 20jähriger von der Gestapo als Mitglied einer dänischen Untergrundorganisation Mitte Januar 1945 ins KZ-Neuengamme verfrachtet. Wenig später wurde er ins Außenlager Deutsche Werft transportiert. 3 Monate dauerte sein Aufenthalt, dann erwirkten die Skandinavier die Freilassung ihrer Häftlinge. Für den jungen Ernst Nielsen bedeutete das die Rettung aus akuter Lebensgefahr. Während der insgesamt 3 1/2 Monate als KZ-Häftling verlor Ernst Nielsen 40kg Gewicht.
Herr Iwan Iwanowitsch Chitajlow geriet bereits 1943 als 16jähriger in die Fänge des NS-Systems und kam nach einer Odyssee durch verschiedene Lager Anfang des Jahres 1945 ins KZ-Außen-lager Deutsche Werft. Bei der Auflösung im April 1945 transportierte man ihn nicht auf die Schiffe in der Neustädter Bucht. Er kam stattdessen in das berüchtigte Lager Sandborstel bei Bremervörde. Die Verhältnisse in diesem Lager waren unbeschreiblich. Am 29. April befreiten schottische Truppen das Lager. Der völlig entkräftete 18jähige Iwan Iwanowitsch überlebte das Inferno.

Die Leiden der Kriegsgefangenen, der Zwangsarbeiter und der KZ-Häftlinge haben viele Finkenwerder als Augenzeugen miterlebt und bis heute nicht vergessen. Der Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme erhält immer wieder Hinweise auf die unmenschliche Behandlung dieser jammervollen Gestalten, die besonders die Kinder und Jugendlichen damals zutiefst erschütterten und über die sie mit niemanden reden konnten.

Denn dieser Teil unserer Geschichte ist lange verdrängt, verharmlost und bewusst unterdrückt worden. Aber um der Zukunft willen darf nicht in Vergessenheit geraten, was damals geschah.
Die aktuellen gewalttätigen neonazistischen . Übergriffe auf Ausländer, Inländer, Behinderte und Obdachlose sind eine große Gefahr für unsere demokratische Gesellschaft, die auf Toleranz und Respekt angewiesen ist.

Die Gedenkveranstaltung gilt allen Opfern der Nazigewalt und beginnt um 18.30 Uhr mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal Rüschwinkel/ Rüschweg. Danach folgt ab 19.00 Uhr im Ortsamt Finkenwerder, im Sitzungssaal, 2. Stock, ein Vortrag über das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme mit Dokumenten der Überlebenden und Berichten von Zeitzeugen aus Finkenwerder.

V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg