Gedenkveranstaltung und Geschichtlicher Vortrag, 09. November 2003, 15:00 Uhr
 

DER 9. NOVEMBER 1938

Am 30. Januar 1933 ergriffen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. Innerhalb weniger Wochen vermochten sie es, mit legalen Mitteln das parlamentarische Leben auszuhebeln, wichtige Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft zu setzen und durch Terror und Angst die Opposition einzuschüchtern. Diskriminierung und Rassismus spürten vor allem die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bereits April 1933 durch Geschäftsboykotte und den Arierparagrafen im „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“.
Am 9. November d.J. jährt sich zum 65. Mal der Tag, an dem die Synagogen auf Befehl der
Nationalsozialisten brannten, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert, jüdische Mitbürger misshandelt, verschleppt, erschlagen wurden. Mit diesem Akt der Demütigung sollten die Juden in Deutschland isoliert, eingeschüchtert und zur Auswanderung gezwungen werden – unter Zurücklassung ihres Besitzes.
Darüber hinaus diente das brutale Handeln an den Juden auch der gesamten deutschen
Bevölkerung zur Einschüchterung. Das Ausbleiben eines ernsthaften Protestes zeigte, wie mächtig die Diktatur zu diesem Zeitpunkt bereits war.
Die brennenden Synagogen waren ein weiterer Schritt auf dem Unheilsweg, der schließlich zu millionenfachen Morden in Auschwitz und anderswo führten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs brannten auch deutsche Städte.
 

KZ-NEUENGAMME
ZWANGSARBEIT IN HAMBURG

Vor 65. Jahren, 1938, beschloss die SS-Führung des Reiches ein Konzentrationslager auf Hamburger Gebiet zu errichten. Das KZ- Neuengamme gehörte zu den zentralen Lagern im norddeutschen Raum. Hier wurde „Vernichtung durch Arbeit“ betrieben.
Der Tod der Häftlinge unter vorheriger Ausnutzung ihrer Arbeitskraft war beabsichtigt. Daneben existierten in Hamburg mindestens 16 Außenlager des KZ-Neuengamme. Im Hamburger Hafen hatte wohl jede Großwerft ein eigenes Konzentrationslager.
Das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme wurde im Oktober 1944 eingerichtet. Auf dem Werftgelände selbst existierten bewachte Unterkünfte für Menschen aus Ost-Europa und für französische Kriegsgefangene. Weitere Baracken mit Arbeitern aus West-Europa befanden sich in der Umgebung der Werft.
Neben den Arbeiten auf der Werft mussten die Häftlinge und Zwangsarbeiter nach den
Bombenangriffen aufräumen und Trümmer beseitigen.
Zu den Elementen der Zwangsarbeit gehörten neben der zwölfstündigen Arbeit die permanente Lebensbedrohung durch Misshandeln, Hunger, Kälte und fehlende Hygiene.
 

ZWANGSARBEIT in HAMBURGER BETRIEBEN

Im Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „ Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ vom 11. August 2000 regelt der Deutsche Bundestag endlich Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die während des Nationalsozialismus gezwungen wurden, für das Dritte Reich zu arbeiten.
In der Hansestadt waren es in der Zeit von 1939 bis 1945 mehrere hunderttausend Menschen. Sie mussten als zivile Arbeitskräfte, als KZ-Häftlinge und als Kriegsgefangene in
Rüstungsunternehmen, in Betrieben der hamburgischen Gemeindeverwaltung, auf Baustellen und in der Landwirtschaft arbeiten.
Sie wurden aus allen Teilen der besetzten Gebiete heran gekarrt. Auf der Deutschen Werft
schufteten zum Beispiel Menschen aus Skandinavien, aus den Benelux-Ländern, aus Süd- und
Ost-Europa. Am Ende wurde die Wirtschaft in großen Teilen nur noch durch diese Sklavenarbeit aufrechterhalten. Das Schicksal der Zwangsarbeiter ist erst durch die Entschädigung für das begangene Unrecht an diesen Menschen Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Mit einigen Personen, die für die Deutsche Werft arbeiten mussten, hatte der AK persönlich oder brieflich Kontakt.
 

Zwei Beispiele:

Iwan Ssorokotjaga aus der Ukraine wurde im August 1943 mit seinem Bruder als Zwangsarbeiter über Ungarn bis nach Deutschland verschleppt und kam Mitte 1944 nach Finkenwerder. Hier wurde er in ein Lager für jugendliche Zwangsarbeiter (bis 18 Jahre) auf dem Werftgelände untergebracht und musste zunächst als Hilfsarbeiter, nach einer Umschulung dann als Schweißer auf der Deutschen Werft schuften. Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt und wurde von Deutschen bewacht. Den Bombenangriff am 09. April 1945 überlebten die Brüder nur knapp. Schließlich erlebten sie die Befreiung in einem Dorf bei Heide. Nach ihrer Übergabe an die Sowjets mussten sie zunächst noch ihren Wehrdienst dort ableisten, bevor sie nach 5 Jahren endlich wieder in ihr
Heimatdorf zurück kamen.
Willem Kwast wurde als Neunzehnjähriger im Frühjahr 1943 in den Niederlanden dienstverpflichtet und nach Hamburg deportiert. Nach einer Umschulung in Altona kam er nach Finkenwerder. Seine Unterkunft hier war eine Baracke auf dem Sportsplatz am Finksweg. Das Lager für die Niederländer war umzäunt aber unbewacht. Auf der Deutschen Werft arbeitete Herr Kwast in der Sauerstoffanlage. Im April 1945 wurde er nach Dänemark transportiert, um den „Friesenwall“ auszuheben. Dort wurde er von britischen Verbänden befreit.

Die Leiden der Kriegsgefangenen, der Zwangsarbeiter und der KZ-Häftlinge haben viele Finkenwerder als Augenzeugen miterlebt und bis heute nicht vergessen.
Der Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme erhält immer wieder Hinweise auf die unmenschliche Behandlung dieser jammervollen Gestalten, die besonders die Kinder und Jugendlichen damals zutiefst erschütterten.

Die Veranstaltung anlässlich des 65. Jahrestages der Judenpogrome beginnt um 15.00 Uhr am Mahnmal Ecke Rüschweg/Rüschwinkel mit einer Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer der Nazigewalt.
Anschließend folgt ab 16.00 Uhr im Gemeindesaal der Kirchengemeinde St. Nikolai, Landscheideweg 154, ein geschichtlicher Vortrag über Zwangsarbeiter in Hamburger Betrieben: Referentin: Dr. Friederike Littmann, Institut für Zeitgeschichte. Berichte von zwei ehemaligen Zwangsarbeitern, die auf Finkenwerder schuften mussten, ergänzen das Referat.

Die Veranstaltung wird aus Stadtteilkulturmitteln des Bezirksamtes Hamburg-Mitte gefördert.
V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg