Ortsgeschichtliche Vortragsveranstaltung des Finkenwerder Arbeitskreises Außenlager DW des KZ Neuengamme in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde St. Nikolai zu Hamburg-Finkenwerder am Buß-und-Bettag 21. November 2001, 20:00 Uhr im Gemeindehaus Landscheideweg 157a

Der Arbeitskreis „Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme“ entstand nach der Einweihung des Mahnmals für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft am Rüschpark, dass auf Initiative von Ortsamtsleiter Uwe Hansen durch Axel Groehl gestaltet wurde. Ziel des Arbeitskreises ist es in erster Linie, die Geschichte dieser KZ-Außenstelle zu erkunden und nachzuzeichnen. Bei dieser Aufgabe wurde schnell deutlich, dass ein vielfältiger Kreis von Personen vor Ort zu den Opfern gehörten. Auf Finkenwerder wurden Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge dem menschenverachtenden Programm „Vernichtung durch Arbeit“ unterworfen, nicht erst nach der Errichtung des KZ-Außenlagers auf der DW.

Der Arbeitskreis besitzt inzwischen eine große Anzahl von Berichten von Finkenwerder Zeitzeugen, die die Leiden der Häftlinge bezeugen. Auch zwei Überlebende aus dem KZ der DW, Ernst Nielsen aus Dänemark und Iwan Iwanowitsch Chitailov aus der Ukraine haben ausführlich über ihre Zeit auf Finkenwerder berichtet. In der bisherigen ortsgeschichtlichen Literatur, die wir untersucht haben, wird die Zeit des „3. Reiches“ hingegen verharmlosend dargestellt, die Machtergreifung als „die damalige politische Wende, die… nicht viel verändert hat“ dargestellt, die von den Nazis eingerichteten Arbeitslager als „Gemeinschaftslager“ für „ausländische Arbeitskräfte“ verniedlicht.

Über die Leiden der dort Zwangsverpflichteten erfahren wir nichts. Die Durchsicht der ortsgeschichtlichen Literatur Finkenwerders wirft bezüglich der NS-Zeit mehr Fragen auf, als sie beantwortet. So geht der Arbeitskreis nun auch Fragen nach, die das soziokulturelle Umfeld der NS-Zeit in Finkenwerder betreffen.

Nachdem der Arbeitskreis mit dem Thema – Die Kulturschaffenden Finkenwerders in der Zeit des „Dritten Reiches“ – einen ersten Angang zur Untersuchung des Gebietes des soziokulturellen Umfeldes der NS-Zeit in Finkenwerder unternommen hat, steht in diesem Vortrag die Evang.-luth. Kirche im Zentrum des Interesses. Anlaß ist zum einen das 120-jährige Jubiläum der Kirche St. Nikolai, das zu einem kritischen Rückblick auf einen Teil der jüngeren Geschichte herausfordert, zum anderen die Tatsache, dass die Zeit des „Dritten Reiches“ auch in der Kirchengeschichte bisher nicht ausreichend und mit der notwendigen wissenschaftlichen Sorgfalt behandelt worden ist.

So stellt der Hauptreferent der Veranstaltung, der Historiker Dr.Rainer Hering. zum Schluss seiner Arbeit über Pastor J. Vorrath fest: „Mehr als 50 Jahre nach dem Ende des „Dritten Reiches“ ist es an der Zeit, gründlich die Geschichte der Ev.-Luth. Kirche im Hamburgischen Staate während der Jahre von 1930-1950 aufzuarbeiten und das Verhalten ihrer Geistlichen klar zu benennen. Schweigen und Vergessen ist keine Möglichkeit des Umgangs mit (politischer) Schuld, da ihre fehlende Auf- und Verarbeitung schwere Folgen für ein Individuum wie für die politische Kultur nach sich zieht. Gerade die „beschwiegene Schuld“, die viele Deutsche als Mitmacher und Wegschauer im Umgang mit dem „Dritten Reich“ zukam, konnte diese nicht entlasten. Sie führte – wie Gesine Schwan betont – auch zu einer Generationenkluft, zu Kälte in den deutschen Nachkriegsfamilien und zu einer „Beschädigung der Demokratie“.

Die verdrängte Vergangenheit bedrängt immer weiter, wie der Umgang mit dem „Dritten Reich“ bis heute zeigt. Gerade bei den Kirchen, die heute in der öffentlichen Auseinandersetzung ein hohes Maß an moralischer Integrität beanspruchen, geht es auch um Verlust ihrer Glaubwürdigkeit. Die kritische Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte ist nach wie vor eine aktuelle und notwendige Aufgabe, auch in Kirchen und Religionsgemeinschaften“. Als Finkenwerder Arbeitskreis „KZ-Außenlager DW“ fühlen wir uns dieser Aufgabe verpflichtet und möchten hierzu auf örtlicher Ebene unseren Beitrag leisten.
 

Mit Luther und Hitler für Kirche und Volk!

Unter diesem Titel referiert Dr. Rainer Hering die Geschichte der ev.-luth. Kirche Hamburgs in der Zeit des „Dritter Reiches“. Dieser Titel ist nicht etwa eine polemische Überspitzung, sondern die „Losung“, unter der Franz Tügel nach seiner Wahl zum Hamburger Landesbischof an 5.3.1934 in NS-Parteiuniform (!) vor die Synode trat. Vor seiner Wahl war Tügel der Führer der „Deutschen Christen“ in Hamburg, die kirchenpolitische Richtung in der ev.-luth. Kirche Deutschlands, die sich auch als „Evangelische Nationalsozialisten“ oder gar als „ SA Christi “ bezeichneten. Hitler unterstützte diese Richtung und mit der Ernennung des ostpreußischen Führers der „Deutschen Christen“, Ludwig Müller, zum „Reichsbischof“ schien ihm die Gleichschaltung der ev. Kirche Deutschlands auch gelungen zu sein. Obwohl schon im Jan.‘ 33 eine Reihe von Altonaer Pastoren ihren Widerstand gegen die Nazis formulierten, formierte sich der Widerstand auf Reichsebene erst nach der Wahl Müllers zum Reichsbischof. Pastor Martin Niemöller gründete den „Pfarrer-Notbund“, dem 1934 bereits 7036 Geistliche angehörten, während die „Deutschen Christen“ nur 2000 Mitglieder hatten. Im Jahr der Machtübertragung auf Hitler war in Hamburg Simon Schöffel Landesbischof, der in einem Akt des vorauseilenden Gehorsams bereits im Sept.‘ 33 die kirchlichen Beamten und die Geistlichen anwies, den Hitlergruß zu erweisen.

Nach der Reichstagswahl an 12.11.33 lässt Schöffel in Hamburg alle Kirchenglocken läuten „als Ausdruck des Dankes gegen Gott für das Wunder der deutschen Volkwerdung.“ Nach kircheninternen Machtkämpfen wurde Tügel 1932 Nachfolger Schöffels (s.o). Tügel war eine absolute egozentrische Persönlichkeit, die keinen Widerspruch duldete. Die Kirchenleitung ordnete er streng nach den „Führerprinzip“. Nazi-kritische Pastoren wurden nicht geduldet.Während des Krieges verfasste Tügel 70 Briefe mit Durchhalteparolen zur „vorbehaltlosen Siegeszuversicht“.

Nach dem Attentat auf Hitler schrieb er diesem „in heißer Liebe und ehrfürchtiger Treue“ : „Wir danken den allmächtigen Gott, dass er Ihr teures Leben so gnädig bewahrt hat…“.
Im Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ sah Tügel zwar ein „Gericht Gottes“, lehnte aber einen Bußgottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus ab, denn „in der Lagern seien meist nur Strolche umgekommen“(!). Erst auf Druck von Bürgermeister Petersen und der Besatzungsmacht legte Tügel sein Amt als Bischof am 6.7.45 nieder, beharrte aber auf seinen Ansichten und war zu einer selbstkritischer Einschätzung nicht fähig.
 

„Du kannst nicht treu sein, Pastor Laub!“

Mit dieser Spott-Zeile eines in den 20er und 30er Jahren beliebten Schlagers belegte die Finkenwerder Jugend den dort wirkenden Pastor Laub wegen seiner bekannt gewordenen außerehelichen Beziehungen, wie Ewald Goltz in seinen Erinnerungen schreibt E. Goltz ist der einzige Verfasser ortsgeschichtlicher Darstellungen, der sich kritisch und selbstkritisch als Zeitzeuge mit der Nazi-Zeit , insbesondere mit der Geschichte der Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai, dessen Kirchenvorsteher er viele Jahre war, beschäftigt. Nach seinen Darstellungen war es auch Pastor Laub, der noch vor der Machtergreifung Hitlers die extrem nationalistische „Stahlhelm“-Ortsgruppe „Gorch Fock“ in Finkenwerder aufbaute und nach der Machtergreifung Hitlers in die SA überführte. Als Pastor hat er sich nicht besonders um die Finkenwerder Jugend gekümmert, den jungen Männern jedoch kriegsverherrlichende Schriften zu lesen gegeben und die sonstige Jugendarbeit der Gemeindeschwester Natalie überlassen. Auf Laubs „Arbeit“ ist es lt. Goltz zurückzuführen, daß sich viele junge Männer der NSDAP zuwandten, teils sogar aus der Kirche austraten. Nach Laubs Entfernung aus dem Amt (nicht wegen seiner politischen, sondern privaten Lebensführung) gab es zunächst eine Interimszeit, in der das Leben in der Gemeinde dahinsiechte, bis Pastor Johannes Vorrath die Gemeinde übernahm. Nach Goltz hat Pastor Vorrath sich gut in den Charakter der Finkenwerder Bevölkerung hinein fühlen können und mit Energie die Gemeindearbeit angepackt, geriet darüber aber mit der Gemeindeschwester Natalie in Streit. Auf Betreiben Vorraths wurde sie entlassen. Mit Kriegsbeginn ging Pastor Vorrath als Wehrmachtsgeistlicher an die Front und Werner Sanmann kam als „Hilfsprediger“ nach Finkenwerder. Als einfühlsamer Seelsorger hat Werner Sanmann in der schweren Kriegszeit segensreich gewirkt, Nach dem Krieg wurde Vorrath gegen den Willen des Finkenwerder Kirchenvorstandes als Pastor aus dem Amt entfernt, ohne dass dafür Gründe genannt wurden. Erst später wurde bekannt, dass der Grund dafür seine Aktivitäten für die „Deutschen Christen“ gewesen sein sollen. (Referent dieses Teilvortrags ist Jens Homann) Über die Verfolgung der „Zeugen Jehovas“ referiert Ingeborg Luth. Die Verfolgten trugen Namen wie Fock, Mewes, Rickert, Behrens und Oehms, die auch heute noch in Finkenwerder geläufig sind. Im November 1935 wurden sie verhaftet und im Februar 1936 in einem Sammelprozeß vor dem Hanseatischen Sondergericht zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Der Leiter der Gruppe wurde später wegen Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt aber zu unbegrenzter KZ-Haft „begnadigt“.
 

„Ich glaube an das Prinzip des Rassegesetzes“

Zur Karriere des Pastor Vorrath 1933-1945 und das Problem der „Entnazifizierung“ in der ev.-luth. Kirche Hamburgs“ – unter diesem Titel behandelt Dr. Rainer Hering die Biografie eines „Deutschen Christen“, der als studierter Theologe bald nach der Machtergreifung Hitlers NSDAP – Mitglied wurde und sofort nach der Einschulung seiner Tochter seine rassistische und antisemitische Gesinnung zum Ausdruck brachte, indem er in einem Brief an den Nationalsozialistischen Lehrerbund schrieb, es sei für ihn als Nationalsozialist nicht hinnehmbar, das seine Tochter von einer jüdischen Lehrerin unterrichtet würde und forderte die sofortige Entfernung dieser Lehrerin aus dem Schuldienst, zumindest deren Versetzung; ein Verbleib der Lehrerin würde seine Tochter moralisch gefährden. „Ich denke dabei nicht nur an mein eigenes Kind. Entweder ist das Prinzip des Rassegesetzes nicht nur biologisch sondern auch pädagogisch verbindlich oder ist es nicht. Ich glaube an seine Richtigkeit und erwarte von meinen Parteigenossen im NSLB…“

Vorrath hatte bei Prof. Paul Althaus studiert, der bereits 1916 forderte, dass sich die Kirche „völkischen“ Themen zuwenden müsse und 1927 auf dem Königsberger Kirchentag sein Konzept von „Kirche und Volkstum“ mit großer öffentlicher Wirkung vorstellte. Die Weimarer Republik lehnte Althaus ab, der Totalitarismus war für ihn die vollkommene Regierungsform, die Juden seien eine Bedrohung für das deutsche Volkstum. Althaus‘ Anschauungen fielen bei Vorrath auf „fruchtbaren“ Boden und wurden für seinen Lebensweg bestimmend. 1926 in Hamburg ordiniert, wurde Vorrath 1934 „alleiniger Bevollmächtigter zur Eingliederung der Ev. Jugend in die Hitlerjugend“ und übernahm das Kirchliche Jugendamt. 1935 übernahm er zusätzlich den Evangelischen Studentendienst, gab beide Ämter jedoch nach massiver Kritik an seiner Amtsführung Ende 1936 ab. 1937 wurde Vorrath Gemeindepastor in Finkenwerder.

Während des 2. Weltkrieges war er Wehrmachtsgeistlicher und wurde mehrfach ausgezeichnet. Nach dem Krieg wurde Vorrath zwar kurzfristig aus dem Amt entfernt, erhielt aber trotz Beharrens auf seinen Ansichten bald wieder eine Pfarrstelle in Groß-Borstel, die er bis zu seinem Tod im April 1953 innehatte.

V.i.S.P.:Jens Homann, Slipstek 21, 21129 Hamburg – Finkenwerder