09. November 1938 – 09. November 1998
 

Stationen der Spurensuche:
1. Treffpunkt Marktplatz Finksweg
2. Ostfrieslandstr. 16; Wohnung der jüdischen. Familie Grünwald, deportiert (vermutl.1942) und verschollen.

Ostfrieslandstr. 23; heute Gaststätte „Zur gemütlichen Ecke“. 1944 Ort der brutalen Mißhandlung eines Zwangsarbeiters.

Uhlenhoffweg; ehem. Plattenhäuser,errichtet von Zwangsarbeitern und italienischen. Kriegsgefan-genen, den sog. Badolio-Soldaten.

Norderdeich 106, heute Blumengeschäft, im Krieg Nebelstelle. Russische Kriegsgefangene mußten die säurehaltigen Fässer öffnen. Nebelschwaden verätzten Atemwege und Haut.

Norderdeich 20, heute Fahrschule.Bis 1938 Kurzwaren- und Stoffgeschäft der jüdischen. Kaufleute Hermann Rimberg und Alfons Auerbach. Rimberg. entkam 1939 als blinder Passagier in die USA. Auerbach wanderte 1935 nach Israel aus.

Mahnmal Ecke Rüschweg/Rüschwinkel. An dieser Stelle wurde 1944 ein Außenlager des KZ Neuengamme errichtet. Schon vorher arbeiteten Zwangsarbeiter/innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen auf der Deutschen Werft. Wenige überlebten den Todesmarsch an die Ostsee und die Bombardierung auf Schiffen in der Neustädter Bucht.

1921 – 1938 ehem. Köhlbrand-Werft des jüd.Eigentümers Paul Berendsohn, auch als“Eisen und Metall“ bekannt, auf demKorbmachersand in Altenwerder. 1938 „Arisierung“ = Zwangsverkauf. Nach dem Kriege wieder Eigentum der Familie Berendsohn (heute Hafenerweiterungsgelände, nicht zugänglich).

1933 – 1939 Atelier von Gretchen Wohlwill (und Eduard Bargheer), jüdische Malerin und Kunsterzieherin; 1939 aus dem Schuldienst entfernt, 1940 nach Portugal emigriert. Etwa ab 1941 wurde der Neß aufgespült, heute Gelände der DASA.
 

Die Geschichte des 9. November 1938
Den Pogromen des 9.11.38 ging eine Reihe von Maßnahmen voraus, die bewußt auf das hin-
strebte, was kurze Zeit später „Endlösung der Judenfrage“ genannt wurde. Allein das Datum hat eine markante Vorgeschichte:
– am 9. November 1918 dankt Kaiser Wilhelm II. nach dem verlorenen 1. Weltkrieg ab und die erste deutsche Republik wird in Berlin ausgerufen.
– am 9. November 1923 versucht Hitler mit dem „Marsch auf die Feldherrnhalle“ in München die Reichsregierung in Berlin zu stürzen, der Putsch wird niedergeschlagen.

Folgende Daten sind ebenfalls in die Kette einzureihen:
– Der Reichstagsbrand vom 27.02.33 wird dazu benutzt, die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung aufzuheben,
– ab dem 1. April 1933 werden jüdische Geschäfte boykottiert,
– am 7. April 1933 tritt das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in Kraft, das einen Arierparagraphen enthält,
– mit der Bücherverbrennung vom 10.05.33 werden die Werke demokratischer AutorInnen dem Feuer übereignet,
– seit dem 17. August 1935 gibt es die Vornamensverordnung für Juden, die die Zusätze „Israel“ bzw. „Sara“ vorschreiben,
– am 15. September 1935 werden die Nürnberger Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre erlassen.

Unmittelbarer Auslöser der Pogrome war das Attentat des polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftssekretär in Paris, Ernst vom Rath, am 07.11.38. Dieser starb am 09.11. Am selben Abend hatte sich die NS-Führung in München versammelt, um des „Marsches auf die Feldherrnhalle“ zu gedenken. Nachdem dieser Versammlung die Nachricht vom Tod des Botschaftssekretärs zugegangen war, hielt Propagandaminister Goebbels eine antijüdische Rede, in deren Verlauf er darauf hinwies, daß es in Kurhessen und Magdeburg/Anhalt zu spontanen „Vergeltungsaktionen“ gekommen sei. Die anwesenden Führer von Partei und SA mußten annehmen, dass derartige Aktionen erwünscht seien. Durch Telefon und Fernschreiben gingen die Einsatzbefehle sofort zu den einzelnen Dienststellen. Auch 6o Jahre später kann man noch fragen, wie es zu diesem Unrecht in einem Land kommen konnte, in dem die Bevölkerung für sich selbst Recht und Ordnung forderte. Der NS-Führung standen zwei Ziele vor Augen, als sie den Novemberpogrom organisierte:

Die deutschen Juden sollten in einem öffentlichen Akt gedemütigt werden. Man wollte sie isolieren, einschüchtern und wo immer möglich, zur Auswanderung zwingen – unter Zurücklassung ihres Besitzes. Das Wort „Reichskristallnacht“ verharmlost, was der Tag der Zerstörung der Synagogen wirklich bedeutet hat. Er war ein weiterer Schritt auf dem Unheilsweg, der schließlich zu millionenfachen Morden in Auschwitz und an anderen Stellen der Vernichtung geführt hat. Darüberhinaus diente das brutale Handeln an den Juden zur Einschüchterung der gesamten deutschen Bevölkerung. Das Ausbleiben eines ernsthaften Protestes zeigte, wie mächtig die Diktatur zu diesem Zeitpunkt bereits war. Was im November 1938 geschah, das geschah öffentlich, vor aller Augen. Der Rassenwahn offenbarte seine menschenverachtende Grausamkeit. Niemand konnte sagen, er/sie habe nichts gewußt. Diejenigen, die die Verbrechen vorbereitet und durchgeführt haben, konnten mit Zustimmung, mit gleichgültigem Wegsehen oder verängstigtem Stillschweigen bei der Mehrheit unseres Volkes rechnen.

Der Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme entstand nach der Einweihung des Mahnmals von Axel Gröhl für die Opfer der Gewaltherrschaft. Ziel war, die
Geschichte von Gewalt und Terror vor Ort zu erkunden und nachzuzeichnen. Bei dieser Aufgabe wurde recht schnell deutlich, dass ein vielfältiger Kreis von Personen zu den Opfern gehörte. Auf Finkenwerder wurden Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge dem menschenverachtenden Programm „Vernichtung durch Arbeit“ unterworfen. Nicht erst nach Errichtung des Außenlagers Deutsche Werft. Große Industriebetriebe wie Werft und Flugzeugwerk nutzten die Arbeitskraft der Versklavten gnadenlos aus. Darüber wurde der Arbeitskreis durch die vielen mündlichen und schriftlichen Berichte der Finkenwerder informiert. Da viele ehemalige Altenwerder hier eine neue Heimat gefunden haben, soll auch ihre Geschichte, soweit bekannt, berücksichtigt werden.

Die ersten Ergebnisse ermutigen den Arbeitskreis einen Stadtteilrundgang zu veranstalten. Als Datum wurde der 09.11.98 gewählt. 60 Jahre nach dem ersten deutschlandweiten Höhepunkt des Naziterrors.
 

Die Erinnerung gilt allen Opfern der Nazigewalt. Beim Rundgang suchen wir Stätten auf, die uns durch die Berichte bekannt geworden sind. Wir sind dankbar, dass Herr Ernst Nielsen aus Dänemark, ein überlebender Häftling des Außenlagers DW, die Opfer am Mahnmal würdigen und an der nachfolgenden Aussprache im Ortsamt teilnehmen wird. Wir danken Herrn Uwe Hansen, dem Ortsamtsleiter von Finkenwerder, für die Übernahme der Schirmherrschaft.

Treffpunkt Marktplatz, 18:00 Uhr Aussprache ab 19:30 Uhr, Ortsamt, Transfer Mahnmal-Ortsamt möglich. Warme Suppe und Getränke. V.i.S.P.: Arbeitskreis Außenlager DeutscheWerft des KZ-Neuengamme / Helmke Kaufner