07. Mai 2006 Fahrradtour durch Finkenwerder
Film, Zeitzeugen-Berichte
 

Mahnmal Ecke Rüschweg/Neßpriel
Oktober 1944 wurde das Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuengamme belegt. Vorher lebten in dem Lager zwangsdeportierte Familien aus Osteuropa.

U-Boot Bunker Fink II/Rüstungsbetriebe
Der Bunker wurde zwischen 1940 und 42 am westlichen Werksgelände gebaut. Er diente auch der Zivilbevölkerung, Werftarbeitern, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen als Schutzbunker. Am 09.04.45 durchschlugen Bomben die 3,5m dicke Decke. Es gab viele Tote und Verletzte. Bei der Luft- und den Schiffswerften schufteten Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen aus ganz Europa.

Norderkirchenweg 5
Gretel 0. zog 1936 nach einer Erkrankung zu ihrer Schwester und kam dann in eine Anstalt in
Neustadt/Holstein. Von dort aus wurde sie 1940 in eine Tötungsanstalt nach Osten verlegt. Ihre Familie erhielt die Nachricht, dass sie dort an einer Krankheit verstorben sei.

Bunker hinter der Westerschule
Zur Luftabwehr mussten russische Kriegsgefangene Fesselballons steigen lassen, um so für feindliche Flugzeuge Teile des Luftraumes zu sperren.

Alter Friedhof Finkenwerder
Denkmal für die Gefallenen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Gräber von Soldaten und Zivilisten, die bei den Luftangriffen auf Finkenwerder umkamen.

Neuer Friedhof Finkenwerder
Grab von Pauline L und von Anna D. Beide wurden wegen der NS-Rassengesetze stigmatisiert und gehören wie z.B. Gretel 0. zu den ausgegrenzten NS-Opfern.

Uhlenhoff / Ostfrieslandstraße
Errichtung von Plattensiedlungen durch KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsinternierte.
Miss-handlung eine KZ-Häftlings. Öffentlicher Wohnungsbau für Volksgenossen entlang der Ostfrieslandstraße und auf Fläche B mit Kunst am Bau.

Ostfrieslandstraße 16
Jüdische Nachbarn ver-schwanden spurlos.

Gründeich gegenüber der Esso-Tankstelle
Exekution eines Häftlings, brutale Behandlung durch Kapos bei der Essensausgabe, Arisierung der Altenwerder Werft Berendsohn. Von dem Lager Rugenberger Str. marschierten russische
Kriegsgefangene in Fünferreihen zur Arbeit nach Finkenwerder.

Flutschutzpromenade Kutterhafen
Die meisten Finkenwerder Fischkutter und ihre Besatzungen wurden im Krieg der Kriegsmarine
unterstellt und müssen Seeminen aufspüren und räumen. Auf dem unbebauten Gelände gegenüber dem „Inseltreff‘ wurde 1936 der Finkenwerder Wasserturm abgerissen. Auf dessen Fundament entstand ein Rundbunker, der bei dem Bombenangriff am 09.04.45 hochgehoben und
zusammengestaucht wurde. Dabei gab es viele Verletzte und Tote.
Flutschutzpromenade Höhe Pahlwerft
Ortsgruppenführer Pahl bedrohte einen Bibelforscher. Ihre Zusammenkünfte wurden während der NS-Herrschaft verboten. Auch die Finkenwerder Gruppe wurde verhaftet und verurteilt.

Dampferbrücke
Misshandlung von Häftlingen, Bombardierung des Petroleumhafens am 20.06.1944.

Zwangsarbeiterlager auf dem Vorland.
Sondergericht und Todesstrafe für einen Diebstahl von Bezugskarten in Neuenfelde und Stempel in Finkenwerder.
 

DER NS-WAHN
Bereits kurz nach der Machtergreifung wurden die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung durch die Nationalsozialisten aufgehoben und rassistische Gesetze erlassen. Gegner und Kritiker der Nazis wie Kommunisten und Sozialdemokraten wurden in Arbeits- oder Konzentrationslager verfrachtet. Bereits am 1. April 1933 wurden die jüdischen Geschäfte boykottiert. Zwischen der Machtübernahme Januar 1933 und dem Angriff auf Polen am
01. September 1939 hat die NSDAP als Staatspartei die Opposition ausgeschaltet und das Volk gleichgeschaltet. Juden, Homosexuelle, Jehovas Zeugen, Kranke und Behinderte, sozial
Unangepaßte und Osteuropäer wurden verfolgt, entrechtet, deportiert, eingesperrt und ermordet.
Bis zum Ende des 2. Weltkrieges erschossen, erschlugen und vergasten die „Herrenmenschen“ fast 6 Millionen Greise, Säuglinge, Frauen, Männer und Kinder.

Weitere Hunderttausende überlebten das grausame Regime, blieben aber lebenslang traumarisiert. Der Überlebende KZ-Häftling Ernst Nielsen aus Dänemark hat das folgendermaßen ausgedrückt: „Man kann ein KZ verlassen, aber das KZ verläßt einen nie.“

Die in der NS-Zeit begangenen Verbrechen erschütterten die ganze Welt. Die Anzahl der
ermordeten und gequälten Menschen, die Grausamkeit und Perfektion, mit der die Verbrechen begangen wurden, führten zur Überzeugung, dass die Täter bestraft und die Opfer rehabilitiert und entschädigt werden sollten. Allerdings fehlte es in der Nachkriegszeit an der Bereitschaft zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Die Strukturen des Nazi-Regimes formten weiterhin das Denken und Empfinden der Menschen. In ihrer großen Mehrheit standen sie den Opfern des NS-Wahns auch nach 1945 ablehnend gegenüber.
 

AUSGEGRENZTE OPFER
Ein typisches Beispiel sind die Zwangssterilisationen und die Ermordung im Zuge der NS-„Euthanasie“. Bis 1945 wurden ca. 350.000 Menschen, die an einer körperlichen oder geistigen Krankheit litten oder nur im Verdacht einer solchen standen, zwangssterilisiert. Sie wurden aufgrund der NS-Rassegesetze selektiert und stigmatisiert. Ungefähr 300.000 Menschen wurden ab 1939 als „lebensunwert“ systematisch getötet. Zwangssterilisierte und „Euthanasie“-Geschädigte, die durch den Massenmord an Kranken und sozial Stigmatisierten ihre nächsten Angehörigen verloren haben, gehören zu den ausgegrenzten NS-Opfern. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde erst 1974 außer Kraft gesetzt. Die Feststellung der Nichtigkeit des Gesetzes fand bisher nicht statt. Die auf dem Gesetz beruhenden Entscheidungen wurden erst 1998 vom Bundestag aufgehoben.
Laut Gesetz waren alle Heil- und Pflegeberufe verpflichtet, erbkranke Personen zu erfassen. Eine besondere Rolle spielten dabei die Fürsorgerinnen, die auch „gefährdete“ Personen meldeten. Dazu gehörten nach der nationalsozialistischen Terminologie insbesondere Frauen und Mädchen, die nicht den Normen der damaligen Zeit entsprachen oder aus einem „unwürdigen“ Elternhaus kamen. Die so erfassten Personen wurden als „asozial“ abgestempelt, häufig entmündigt, sterilisiert und in Arbeitshäuser oder -lager eingewiesen.
Die leitende Mitarbeiterin der Hamburger Sozialbehörde, Käthe Petersen, war Sammelvormund für „gefährdete“ Frauen. Ihr wurden insgesamt bis Kriegsende ca. 1500 Menschen als Mündel anvertraut. In Hamburg wurde der zu sterilisierende Personenkreis durch ein Konstrukt des „angeborenen moralischen Schwachsinns“ erheblich ausgeweitet.

Zu den vielen Mündeln von Käthe Petersen gehörte auch Anna D. Ihre Mutter wurde als
„erziehungsunfähig“ bezeichnet. Ihr wurde das Sorgerecht entzogen, da ihr ältester Sohn Mitglied der kommunistischen Partei war. Anna D. kam in ein Waisenhaus, wurde mit 15 sterilisiert und mit 18 in das geschlossene Arbeitshaus Farmsen eingeliefert. Nach schweren Bombenangriffen wurde sie im Juni 1943 von Farmsen aus in das Arbeitslager Tiefstack gebracht, wo sie schwere Arbeit im Straßenbau zu verrichten hatte. Im Juli 1943 wurde sie dann mit Zustimmung von Käthe Petersen in die Bordellbaracke des KZ Buchenwald verlegt. Dort wurde sie von SS-Leuten geprügelt und schwer misshandelt. Kurz vor der Befreiung 1945 aus dem KZ durch die Alliierten wurde Anna in einer grünen Minna nach Farmsen zurücktransportiert.

Erst 1957, nach 18 langen und schweren Jahren, wurde sie durch Gerichtsbeschluss endlich
„bemündigt“. In der ganzen Zeit hatte sie schwer gearbeitet, aber ihr „Arbeitgeber“, die Hamburger Wohlfahrtsbehörde, hatte darüber keine Auf-zeichnungen gemacht und keine Sozialversicherung für sie gezahlt. Für die zahllosen Misshandlungen und die zerstörte Gesundheit erhielt Anna nie einen Ausgleich. Im April 1998 starb sie.

Die Hamburger Behörden wollten sie in einem anonymen Massengrab beisetzen. Freunde von ihr erreichten durch massiven Druck, dass die Urne am 04.09.1998 auf dem Friedhof Finkenwerder im Familiengrab der Freunde beigesetzt wurde. So blieb ihr wenigstens das Massengrab erspart.
Anna D. war ein Opfer der NS-Diktatur, aber eigentlich war sie lebenslang auch ein Opfer der Hamburger Sozialbehörde. In einem Film von 1992 berichtet Anna über die Kehrseite der Wohlfahrt. V.i.S.d.P.: Finkenwerder Arbeitskreis Außenlager Deutsche Werft des KZ-Neuen-gamme, c/o H. Kaufner, Carsten-Fock-Weg 12, 21129 Hamburg