13. Mai 2010, 15:00 Uhr Rundgang DW-Gelände, Treffpunkt Mahnmal Rüschweg/Rüschwinkel. 17:00 Uhr Gemeindehaus St. Nikolai Fkw. Landscheideweg 157. Textcollage: Befreite und Befreier.
 

DIE LETZTEN TAGE des „Dritten Reichs“
Deutschland lag in Trümmern und der „Endsieg“ in weiter Ferne. Viele Menschen aus dem Osten durften erst auf Anordnung der Nazi-Regierung in aller letzter Minute vor der Roten Armee flüchten. Alle strömten Heim ins Reich und viele kamen dabei um. Chaos und Mangel wurde für viele Alltag. Trotzdem geiferte die NS-Propaganda gnadenlos gegen „Volksschädlinge“. Die nichtigsten Vergehen wurden als „Wehrkraftzersetzung“ geahndet und von einer Willkürjustiz mit dem Tode bestraft und sofort vollstreckt.

Besonders grauenvoll erging es den KZ-Häftlingen: Keiner, so lautete der Befehl von Himmler, sollte den Befreiern lebend in die Hände fallen. Die Todesmaschinerie der SS lief auf Hochtouren. Wer trotzdem noch halbwegs arbeitsfähig war, wurde in noch nicht befreite Gebiete verfrachtet, um die Produktion von Rüstungsgütern und „Wunderwaffen“ zu sichern. Das Ende der Schreckensherrschaft war greifbar nah. Immer enger schloss sich der Kreis um das von den Nazis noch kontrollierte Gebiet. In die dort vorhandenen Lager wurden die Häftlinge zu Fuß oder mit der Bahn getrieben. Für die meisten von ihnen eine Fahrt oder einen Marsch in den Tod.

Als die Briten z. B. im KZ Neuengamme eintrafen, war das Lager geräumt und alle Spuren beseitigt! Die Skandinavier wurden vom schwedischen Roten Kreuz nach Schweden evakuiert. Die anderen Häftlinge wurden zu Fuß oder in Waggons entweder in die noch nicht befreiten Lager oder in die Lübecker Bucht auf Schiffe verfrachtet. Nur wenige haben das Inferno überlebt. Von drei ehemaligen KZ-Häftlingen aus dem Außenlager Deutsche Werft kennen wir inzwischen ihre Odyssee durch die Lager.
 

Die Befreiung Mai 1945

40 Jahre wurde der Begriff Befreiung für das Ende des Zweiten Weltkriegs in der BRD sorgfältig vermieden oder verschwiemelt „Stunde Null“ genannt. Erst der Bundespräsident Richard von Weizsäcker fand 1985 für den Sieg über die Nazis den angemessenen Ausdruck. Denn es waren nicht nur die hier noch unter elendigen Bedingungen hin vegetierenden Arbeitssklaven, grausam ausgebeutet und malträtiert, die sehnlichst auf das Kriegsende und ihre Befreiung hofften. Auch Deutsche sehnten sich nach Frieden und dem Ende des Terrorregimes. Sie fürchteten allerdings auch Vergeltungsmaßnahmen, denn die Greueltaten waren nicht zu leugnen.

Überraschend schnell wurde die neue Bundesrerepublik in die Völkergemeinschaft wieder aufgenommen und die Vergangenheit verharmlost, verschwiegen, verdrängt. Das Tätervolk schaute lieber in die Zukunft. Man wollte einen Schlussstrich ziehen. Die junge Generation protestierte dagegen, wollte wissen was geschehen war. Opferverbände erinnerten hartnäckig an das begangene Unrecht. Die Forschung zu diesem Teil der Zeitgeschichte wurde immer intensiver. 65 Jahre nach der Kapitulation, 2010, leben nur noch wenigeTäter und Opfer. Aber der Befreiungstag ist inzwischen Teil unserer Erinnerungskultur. Rassismus und Faschismus sind in der Gesellschaft immer noch virulent. Aus Verantwortung für die Zukunft sind wir alle aufgefordert, weiterhin mahnend an die Vergangenheit zu erinnern.

Ernst Nielsen war der erste überlebende KZ-Häftling desAußenlagers DW, den wir kennenlernten:
ERNST NIELSEN, Däne, wurde als Mitglied im dänischen Widerstand Mitte Januar 1945 ins KZ Neuengamme verfrachtet und wenig später ins Außenlager Deutsche Werft: Das Lager in Finkenwerder lag unmittelbar am Zaun der Schiffswerft . Es war kein großes Lager, es enthielt ungefähr 400 Häftlinge und hestand aus 7-8 kleineren Baracken, einer kleinen Krankenstube, einigen Werkstätten, einer Küchen- und eine Stabsbaracke, einer Waschküchenbaracke und einem Lagerhaus für Kohlen und Leichen. Die Wachmannschaft bestand außer dem SS-Leiter, aus Marine-Infanteristen, von denen einige, besonders die ganz jungen, sehr brutal waren. Das Essen im Außenlager war noch schlechter als in Neuengamme. Es bestand in der Regel aus einer dünnen wässrigen Rübensuppe und Schwarzbrot aus Mehl und Sägespänen. Auch von den Rote-Kreuz-Paketen für die Skandinavier profitierte Ernst Nielsen kaum. Das erste Paket erreichte ihn erst Anfang März. Am 11.April kehrte er zurück nach Neuengamme und wurde wegen seines erbämlichen Zustandes am 17. April mit einem Krankentransport des Roten Kreuzes nach Schweden transportiert. Für Ernst Nielsen bedeutete die Bernadotte-Aktion des schwedischen Roten Kreuzes die Rettung aus akuter Lebensgefahr. Denn während der nur insgesamt 3 1/2 Monate Haft als KZ-Häftling hatte er 40 kg Gewicht verloren.

Die beiden anderen Häftlinge mussten noch 2 weitere schreckliche Wochen auf die Rettung warten.
ALFRED CORNUT, Belgier, wurde 1942 aufgefordert in Deutschland Zwangsarbeit zu leisten. Er tauchte ab, wurde aber bei einer Straßenkontrolle verhaftet und mußte in einem belgischen Straflager Zwangsarbeit leisten. Es gelang ihm zu fliehen und er schloss sich dem Widerstand an. Die Gruppe wurde verraten und von der Gestapo verhaftet, schwer gefoltert und am 02. September 1944 erst in das KZ Neuengamme und kurz darauf in das Außenlager Deutsche Werft transportiert.

Cornut wurde bei einem Bombenangriff am 31.12.44 schwer verletzt und kam in das Lazerett des KZ Neuengamme. Mitte April wurde dort ein Zug mit 1.500 Kranken und Verletzten gefüllt und ins Lager Sandbostel abgeladen. Gegen Ende des Monats flüchtete dort die SS-Wachmannschaft. Am 29. April erreichten die Befreier endlich das Lager. Cornut wurde in Alliierten Lazaretten gepflegt und am 29. Mai nach Hause entlassen.

Für viele andere Häftlinge kam die Befreiung zu spät. Sie konnten nicht mehr gerettet werden. Der Befreier MAJOR NIELD ADAMS schildert warum: „Ich habe in diesem Lager Menschen in einem so schlechten körperlichen Zustand gesehen, dass man, wortwörtlich, jeden Knochen in ihren Körpern sehen konnte. Jeder Wirbelkörper der Wirbelsäule, zum Beispiel, stand hervor wie Baumwollspulen, die Schulterblätter und Schlüsselbeine standen hervor, ohne Fleisch auf ihnen, so dass die Vertiefungen auf jeder Seite des Halses ein halbes Pint Wasser jeweils gefasst hätten. Die Rippen standen hervor, und der Teil, wo sich normalerweise der Bauch befindet, war eine solche Aushöhlung, dass es aussah, als ob die Bauchhaut fast auf der Wirbelsäule ruhte. Ich war erstaunt, dass Menschen solche Skelette sein und immer noch leben konnten.Der Gestank des Lagers war unbeschreiblich ekelhaft und man konnte ihn für lange Zeit nicht mehr aus der Nase kriegen. Als unsere Männer das Lager übernahmen, mussten sie über Leichen und Sterbende, die zu schwach waren, sich zu bewegen, steigen; sie fanden sie zu hunderten in eigenen und fremden Exkrementen liegen, und ihre Körper waren damit verklebt, und bitte erinnern Sie sich daran, dass viele von ihnen, bevor sie ins Lager kamen, hochkultivierte, zivilisierte Menschen gewesen waren. Welche Verwahrlosung und Folter von Geist und Seele sie durchgemacht haben müssen, können wir uns nicht vorstellen.

IWAN IWANOWITSCH CHITALJOW, Ukrainer, wurde 1943 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Wegen eines angeblichen Fluchtversuchs verhaftete die Gestapo ihn im März 1944 und steckte ihn in das KZ Großrosen. Über das KZ Bergen-Belsen kam er ins KZ Neuengamme und von dort Dezember 1944 in das Außenlager Deutsche Wertt. Dort erlebte er ebenfalls den Bombenangriff am 31.12.1944, blieb aber unverletzt. Sein deutscher Vorarbeiter Fred erleichterte seinen Häftlingen das Lagerleben etwas. Mitte April 1945 wurde das Außenlager geräumt. Chitaljow wird mit anderen zusammengetrieben und nach Sandbostel verfrachtet. Für ihn kamen die Allierten noch rechtzeitig:

„Dank der Barmherzigkeit schottischer Nonnen und von deutschen Krankenschwestern wurde vielen das Leben gerettet. Nach der Genesung wurden wir über Bremen nach Magdeburg geschickt und an das sowjetische Kommando übergeben. Man sagte, dass von den 12.000 KZ-Häftlingen, die ursprünglich in dieses Lager gebracht worden waren, lediglich 2000 überlebten.“

Dr. HANS ENGEL, Militärarzt und Retter der Überlebenden über seine Ankunft in Sandbostel:
Ich kam mit zwei anderen Militärärzten und 100 Sanitätern zuerst in das Lager. Ich werde diesen Schock nie im Leben vergessen. Da lagen etwa 3000 Leichen im Freien, unbekannt und unbegraben. In den Baracken lagen 4000 Männer, eng gepfropft, 2 oder 3 auf einer Pritsche oder auf dem Boden, in ihrem Exkrement, ohne Decke oder Stroh. Die meisten waren krank, mit Typhus, Ruhr und Flecktyphus, verhungert und verdurstet. Viele konnten weder stehen noch gehen. Der Gestank und der Dreck war entsetzlich und macht mir noch heute Alpdrücken. Alle Patienten mussten gründlich gewaschen und rasiert werden, aber wir hatten nie genug Personal. Wir zogen viele Leute aus den umliegenden Dörfern und Städten ein und schickten Lastwagen in die Krankenhäuser nach Hamburg und Bremen, um ihre Krankenschwestern zu holen. Zuerst sagte ihre Oberin: „Wir werden doch nicht unsere Gesundheit für diese ‚Untermenschen‘ riskieren.“ Da hatte ich, wie wir alle, eine solche Wut auf diese Verbrecher und alle Deutschen überhaupt, ich gab ihnen die Gardinenpredigt meines Lebens, dass unsere britischen Soldaten Tag und Nacht arbeiteten, um Menschenleben zu retten, die wir für wertvoller hielten als sie. Darauf haben sie doch fleißig mitgearbeitet. Drei Wochen später sagte diese Oberin: „Ich habe mich nie im Leben so geschämt, eine Deutsche zu sein, wie an dem Tag als Sie uns den Kopf gewaschen haben.“